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April 14, 2015

Symbiosen – Zum Nutzen unserer Nutztiere

„und Gott der Herr setzte den Menschen in den Garten Eden, auf dass er ihn bebaue und bewahre“ (Mose 2.18)

Vor nun mehr fast 30 Jahren habe ich die HerrmanndorferLandwerkstätten in Glonn, vor den Toren von München gegründet, weil mir die industrielle Entwicklung der Tierproduktion und die immer stärkere Automation des Schlachtens, des Zerlegens und des Verarbeitens zunehmend missfielen. Ich hatte das starke Gefühl, dass alles in die falsche Richtung lief und das dabei die Würde von Mensch und Tier immer mehr unter die Räder geriet.

In Herrmannsdorf sollte „alles so ganz anders“ sein. Es sollte wieder zusammengebracht werden, was von Natur aus zusammengehört: die Landwirtschaft mit Pflanzen- und Tiererzeugung, die Umwandlung von Pflanzen und Tieren in Lebens-Mittel (Metzgerei, Käserei, Bäckerei, Brauerei) sowie der unmittelbare Verkauf an die Menschen, die solche Lebens-Mittel verzehren sollten und mit denen wir direkt kommunizieren wollten. Von Anfang an sollten Bauern der Region in das Netzwerk eingebunden sein. Im Zentrum stand das System „Tiere und Fleisch“. Die Tiere sollten ein gutes Leben haben und Gutes zum fressen bekommen und am Ende einen würdevollen Tod sterben. Ihr Fleisch sollte am gleichen Ort ganz frisch in Schinken und Würste verarbeitet werden.

Vor zehn Jahren gründete ich die „Erste Private Landwirtschaftliche Versuchsanstalt für eine Symbiotische Landwirtschaft“. Es sollte mein Altersprojekt sein. Ich wollte versuchen, Fleisch, Schinken und Würste noch besser zu machen, als wir es ohnehin bis dahin schon erreicht hatten und den Tieren ein noch besseres Leben zu ermöglichen, als das selbst im ausgeklügelten Stall möglich ist. Ein Experiment.

Vor sechs Jahren startete mein Sohn Karl das Projekt Herrmannstorfer Landhuhn als Zeitnutzungshuhn. Ganz wesentlich dabei war die ethische Motivation, das übliche Töten männlicher Kücken aus den Legehennen-Hochzucht zu vermeiden.

Schweine und Geflügel sind durch Hochleistungszucht sowie Intensivhaltung am stärksten in ihren Lebensbedürfnissen fast bis zur Unkenntlichkeit verformt worden. Die Grenzen dessen, was man Fortschritt nennt, sind längst überschritten.

Mit den hier vorgestellten Erfahrungen in der Nutzung von

Symbiosen in der Landwirtschaft

Symbiosen - Zum Nutzen unserer Nutztiere
Wollen wir ein wegweisendes Beispiel für einen achtsamen Umgang mit Mensch, Tier und Natur geben. Nach vielen Jahren praktischer Erfahrung ist unser Konzept, das heute denkbare und machbare Optimum in der Nutzung der Natur für unsere Lebens-Mittel zu verwirklichen, eine Messlatte, an der sich das praktische Handeln orientieren kann. Je näher wir die Messlatte kommen, desto besser.

Das Grundprinzip der Natur ist Vielfalt. De Natur kennt keine Monokulturen. Natur findet in Symbiosen statt (griechisch sym = zusammen; bios = Leben) zum gegenseitigen Nutzen und Wohlbefinden, ohne Ausnahme, überall auf der Welt, je nach Klima und Bodenverhältnissen, ob Tundra, Steppe Acker oder Wald. Unser Grundprizip ist, soweit wie möglich Polykulturen an die Stelle von Monokulturen setzen; Vielfalt statt Einfalt zu schaffen. Symbiosen finden aber auch in menschlichen Gesellschaften statt, zum Beispiel bei der Zusammenarbeit von Bauern, Lebensmittelhandwerkern und Verbrauchern zu gegenseitigen Nutzen! Wie funktioniert das nun?

Bauern der Region sind in Das Verbundsystem einbezogen. Sie züchten und ziehen ihre Tiere nach den Regeln ökologischer Tierhaltung auf. Sie bekommen dafür den angemessenen Preis. Sie liefern ihre Tiere für die Endphase des Tierlebens in die Symbiotische Weidehaltung. Dort leben die Tiere ein fast vollkommenes Leben (fast wie in der freien Natur), für eine vollkommene Fleischqualität. Die Symbiotische Landwirtschaft ist räumlich verzahnt mit einer Warmfleisch-Metzgerei. So können die Tiere ihren letzten Weg zu Fuß und ohne Aufregung gehen. Nur so sind nach meiner Erfahrung höchste Geschmacks- und Gesundheitsqualität zu erreichen – und ein gutes Gewissen.

In der Symbiotischen Weidehaltung können die Tiere ihre natürlichen Bedürfnisse weitgehend ausleben. Es soll ihnen ganz besonders gut gehen, sie sollen gesund sein und sich wohlfühlen. Dabei werden Bodenleben, Bodenfruchtbarkeit und Humusbildung gefördert. Die Landwirtschaft soll schön und abwechslungsreich sein, und die Arbeit soll den Menschen Freude machen. Und am Ende soll das Fleisch, das Fett, die Schinken und die Würste besonders gut schmecken. Sie sollen wieder Lebens-Mittel sein, Mittel zum Leben, in denen noch alles Leben von Natur aus drin ist. Anliegen ist „das Leben in den Lebens-Mittel zu schützen und zu bewahren“ auf den langen Weg vom Acker bis auf unseren Teller.

Herz und Kernstück in der Symbiotischen Landwirtschaft sind die Schweine und die Hühner, weil diese (vor allem in der letzten Phase ihres Lebens) andere Ernährungs- und Lebensweisen brauchen, als wir ihnen selbst im besten Stall bieten können. Hecken sind wichtig als Lebens- und Schutzraum. Obstbäume passen ideal in die Symbiose von Tieren und Pflanzen. Rinder und Schafe dienen im System überwiegend der Verbesserung von Bodenleben und Bodenfruchtbarkeit.

Das Optimum ist eine sogenannte Koppelwirtschaft. Eine Koppel wird je nach Jahreszeit mit bis zu 20 verschiedenen Pflanzen eingesät. Alle Tiere fressen dann das frische Grün, die Schweine wühlen und fressen wie die Hühner Lebendiges, das im Boden lebt. Schweine schützen die ängstlichen Hühner vor Fuchs und Mader. Die Hühner sorgen für gute Hygiene, indem sie unermüdlich Parasiten, Insekten und Fliegen sowie mögliche Krankheitserreger von den Schweinen aus den Boden picken. So sind alle Tiere gesund, ohne vorbeugende Medikamente. Wenn die Koppel abgeerntet und von den Schweinen gepflügt ist, zieht der ganze „Wanderzirkus“ mit den mobilen Hütten, den Futterkisten, der Tränke und der Badeanstalt, auf die nächste Koppel, wo der „Tisch neu gedeckt ist“. Auch im Winter finden die Schweine noch ganz viel draußen. Die Hecken und Feldgehölze sind voll von herabfallenden Früchten und Lebendigen im Boden – all das, was Menschen nicht essen können.

Im nahegelegenen Schlacht-Fest-Haus (so genannt in Erinnerungan die ländliche Kultur des Schlachtfest) werden die Tiere achtsam und ohne Angst und Stress getötet – (kein Schrei ist zu hören). Ruhig getötete Tiere entwickeln keine Stresshormone. Die Stoffe, die sich mit der Totenstarre schnell abbauen, bleiben so länger erhalten. Das Fleisch hat eine bessere Konsistenz und hält länger. Aber auch der nicht-stoffliche Teil, den wir (noch) nicht messen können und den man mit Begriffen wie Energie, Kraft und Wirkung beschreiben könnte, bleibt länger „lebendig“. In der angeschlossenen Handwerklichen Warmfleischmetzgerei werden sodann die sauber geschlachteten Tierkörper noch warm, ohne zu kühlen, unmittelbar in den Verarbeitungsprozess gegeben. Das muss ganz schnell gehen. So brauchen wir keine Geschmacksverstärker und keine sonst üblichen Zusatzstoffe. Es ist ja von Natur aus noch alles drin. Unsere wichtigste Zutat in der Zutatenliste ist das „Leben“.

Die heute getrennten Prozessteile Schlachten, Zerlegen und Verarbeiten werden wieder zusammengefügt. Der Aufwand und die Kosten für Kühlung, Verpackung und Transport sind deutlich niedriger. So wird weniger Energie gebraucht. Wir nennen das die „Ökologie der kurzen Wege“. Die Arbeit ist handwerklich, verstehbar und abwechslungsreich, keine Langeweile! Der Meister sagt der Maschine, was sie tun soll. So bleibt der Mensch Herr und die Maschine der nützliche Diener – und nicht umgekehrt.

Ganz wichtig im Verbundsystem Tiere-Fleisch ist der Verkauf unmittelbar an den Menschen, die gerne Fleisch essen und wissen wollen, wo es herkommt. So können wir ihnen erklären, was wir machen, warum wir das so machen und was wir garantiert nicht machen. Wir können so den deutlich höheren Preis erklären, glaubhaft und verstehbar machen. „Lieber halb so viel, dafür dreimal so gut“. Wir wollen uns deutlich von anonymen, technisch perfekten Supermarkt unterscheiden. Wir verkaufen „klassisch“ mit Bedienung. Da stehen sich Menschen gegenüber, vor der Theke und hinter der Theke. Sie reden miteinander, da wird beraten und verkauft; wenn das geliebte Gustostück nicht mehr da ist, gibt es ein ähnlich gutes. Wir müssen dafür sorgen und das ist ganz wichtig für die Wirtschaftlichkeit, das jedes Teil vom Tier- vom Schnäuzchen – in den Schinken und Würsten landet, die den höchsten Preis erbringen, dass nichts verschwendet wird und am Ende der Woche alles verkauft ist. Das alles ist gute alte Handwerkskunst.

Ein Verbund von Bauern, Metzgern und Verbrauchern macht es den Beteiligten möglich, aus den vorherrschenden System auszusteigen und unabhängig zu werden vom Preisdruck des klassischen Einzelhandels. Welch eine Freude und welch eine Genugtuung, sagen zu können: „Gehabt euch wohl, wir brauchen euch nicht mehr“. Bauern und Metzger können den Ausstieg in der Regel nicht alleine schaffen. Aber gemeinsam können sie das! Dafür bietet sich die altbewährte Form der Genossenschaft an, in der die Rechte und Pflichten der Partner genau geregelt sind und jeder seinen gerechten Anteil am Gesamtertrag bekommt. Für die Finanzierung sich die einzigartige Möglichkeit, Bürger ganz unterschiedlicher Herkunft und Lebensweisen einzuladen, sich finanziell zu beteiligen, ihr Geld sinnvoll einzusetzen und mitzuhelfen, dass etwas Vernünftiges entsteht, eine „Bäuerlich-Handwerkliche Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaft“.

Wir haben in Herrmannsdorf bewiesen, dass eine solche Wirtschaftsweise mit einer solchen Werte-Philosophie möglich ist. Es ist zwar teurer, aber es rechnet sich für alle Beteiligten.

Es ist ohnehin höchste Zeit, Leben und Lebens-Mittel neu zu denken. © KLS 2014

Broschüre erhältlich durch: cthomas-at-schweisfurth.de 1 Exemplar 4 Euro / 2 Exemplare 5 Euro / 3 Exemplare 7 Euro

Das Link zeigt Ihnen den Weg zum "Gipfeltreffen" mit dem Filmemacher Werner Schmidbauer und dem Metzgermeister und Unternehmer Karl Ludwig Schweisfurth: 

Dezember 01, 2013

Die Originale erkennt man am Hut

»Kunst ist das, was uns jenseits der Notwendigkeit der Mühe wert ist.« (William Morris)


Stapelholmer Trachten- und Tanzgruppe

Stapelholmer Trachten- und Tanzgruppe begeistert mit traditionellen Tänzen

Dass Stapelholm eine eigene Tracht besitzt, dieses Wissen verdanken wir unter anderem Statthalter des dänischen Königs Heinrich von Rantzau, der bereits Ende des 16. Jh. Zeichnungen von Trachtenbildnern in Auftrag gab, und anderen Chronisten wie Bolten oder Schröder, die sich die Mühe machten festzuhalten, welche Kleider die Stapelholmer im Alltag oder bei Festen trugen.

Charakteristisch für diese Tracht ist der so genannte Holmer Hut. Eine aus naturfarbenem Stroh geflochtene Kopfbedeckung mit im Nacken hochgeklappter Krempe, die von einem breiten Kinnband gehalten wird. Die Trachtenröcke sind meist blau, grün oder dunkelrot gefärbt, aus Beiderwand gewebt und mit verschieden breiten, senkrecht laufenden Streifen geschmückt.

Die Schürze der Frauen ist aus leichtem hellem Baumwollstoff und kürzer als der Rock. Die Bluse wird aus leichten weißen Leinen gefertigt. Die Weste ist einfarbig, aus einfachem Tuch und wird vorn mit einer einreihigen Knopfleiste geschlossen. Die Männertracht besteht aus einer Latzhose aus weißem bzw. beigefarbenem Drillich, einer hochgeschlossenen Weste aus rotem Tuch mit zwei seitlich verlaufenden, silbernen Knopfreihen und einem Leinen - Hemd mit weiten Ärmeln sowie einem Stehbund am Hals.

Damit weder diese schöne Tracht noch die Tänze der Region ganz in Vergessenheit geraten, haben sich Frauen und Männer zur Stapelholmer Tanz- und Trachtengruppe zusammengeschlossen. Am Tag der offenen Tür begeisterten sie im Stapelholm – Huus die Zuschauer und zeigten dabei nicht nur Volkstänze aus der Region, sondern aus ganz Deutschland. Ein Video von diesem Auftritt ist inzwischen im Internet eingestellt und kann über diesen Link gefunden werden.

Die Tanz und Trachtengruppe kommt aus dem Herzen Schleswig-Holsteins. Die Gestinsel Stapelholm liegt inmitten der Flusslandschaft Eider-Treene-Sorge, an der Südgrenze des alten Herzogtums Schleswig. Fruchtbares Ackerland, fettes Marschland aber auch magere und sandige Böden und Moore sind dort auf nur 160 Quadratkilometern zu finden. Der Name Stapelholm ist erstmals um 1260 in einer Urkunde erwähnt, die im Reichsarchiv zu Kopenhagen einzusehen ist. Dass sich in Stapelholm manches Brauchtum bis heute halten konnte, ist der Abgeschiedenheit dieser kleinen Region ebenso zu verdanken wie dem Engagement der Männer und Frauen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, diese Traditionen immer wieder mit neuem Leben zu erfüllen.

Am Tag der offenen Tür begeisterte die Stapelholmer Trachtengruppe die Zuschauer. Keine Frage: Es lohnt sich, diese Trachten- und Tanzgruppe live zu erleben. Und wer rechtzeitig anfragt, der kann die Gruppe auch bitten, ins Haus zu kommen und ihre Tänze auf privaten und öffentlichen Events aufzuführen. Auch MittänzerInnen sind herzlich willkommen.

Kontaktdaten: Sönke Thede, Erfde, +49 (0) 172 759 42 59 
Textbearbeitung: Claudia Ohlsen
Link: YOUTUBE http://youtu.be/D8vxu5TOvCU

Oktober 04, 2012

Mehr als ein Viertel

Ansichten und Absichten aus dem Hamburger Gängeviertel 

Mehr als ein Viertel
Es war die erste erfolgreiche Hausbesetzung in Hamburg seit Jahrzehnten: Im August 2009 enterten 200 Künstler und politisch Aktive die Reste des historischen Gängeviertels in der Hamburger Innenstadt - um es vor dem Abriss durch einen Investor zu retten.

Unter dem Druck der Verhältnisse mussten die Besetzer sich schnell professionalisieren und Strukturen aufbauen, die das Projekt tragen und weiter entwickeln. Seit mehr als drei Jahren arbeiten die Aktiven nun emsig daran, hier einen innerstädtischen Raum für Kunst, Kultur und Politik zu schaffen. Es geht ihnen nicht nur um die eigenen vier Wände - sie fordern ein „Recht auf Stadt“ für alle. Zehntausende Besucher aus aller Welt haben inzwischen in den Häusern des Gängeviertels Ausstellungen gesehen, Konzerte gehört, Partys gefeiert oder darüber diskutiert, wie sie sich ein Leben unter Freien und Gleichen vorstellen. 

Das jetzt erschienene Buch "Mehr als ein Viertel" beschreibt die Entwicklung dieses "Hamburg-Wunders" – wie DIE ZEIT damals formulierte. In dem Buch kommen die Aktiven selber zu Wort. Sie lassen den Leser teilhaben an den Vorbereitung und dem Tag der Besetzung, an den mühsamen Verhandlungen mit der Stadt, der Gründung ihrer Genossenschaft und wie sie die Kunst als politische Waffe eingesetzt haben. Das Buch gibt einen einzigartigen Einblick in die „temporäre autonome Zone“ Gängeviertel. Es ist lebendig, überraschend, experimentierfreudig und politisch.

Mehr zum Buch finden Sie unter: Gängeviertel e.G.

Februar 20, 2012

An die Arbeit, Ihr Dilettanten und Amateure!

Alexander Rosenbaum
Ein Aufruf zum Selbstmachen. 
Die meisten Selbste werden heute mit großer Begeisterung und großem Enthusiasmus immer noch selbst gemacht. Es gibt gute Gründe, es dabei auch zu belassen, selbst wenn manche Humangenetiker hier Optimierungspotentiale vermuten.

Ist ein kleines Selbst erst einmal auf der Welt, fängt es sofort an zu schreien und wir werden seiner nur noch mit Mühe Herr. Alles will es AUCH und selber machen. Und die Welt antwortet ihm: „Nicht anfassen. Du machst alles kaputt!“ Oder sagt wohlmeinend: „Komm, ich helfe Dir!“ Kluge Kinder schmeißen sich dann auf die Erde, kratzen, beißen und treten ihren Wohltätern vors Schienbein. Dies wird aber nur selten richtig gedeutet.

Wenn in unserer hocharbeitsteiligen, komplexen und global vernetzten Welt von „Selbst Machen“ die Rede ist, denken viele an den Baumarkt oder Marmelade kochen, während den Profis und Experten sofort „Pfusch“ einfällt. Wir haben nicht nur ein gestörtes Verhältnis zum SELBST-Machen, wir haben vor allem ein reichlich gestörtes Verhältnis zum „MACHEN“.

Oh schönes Selbst!
Während es heute so ist, dass unser Bildungswesen die jungen Menschen gar nicht schnell genug dem Zweck der „employability“ zuführen kann und in immer kürzeren Studienzeiten -Experten aller Art züchtet, gab es früher gute Gründe, sich mit der Ausbildung ein wenig mehr Zeit zu lassen und Mühe zu geben .

In der Antike war es die edelste Pflicht eines freien Bürgers, der res publica zu dienen und sein Selbst selber zu Vervollkommnen. Neben dem Kriegshandwerk standen auch andere Künste hoch im Kurs. Es stand jedem noblem Griechen gut zu Gesicht, in diversen Künsten zu dilettieren. Wobei die kleinliche Frage danach, welche Künste standesgemäß sind, selbst große Geister immer wieder sehr bewegte. In der Hierarchie der Künste stand das „rein geistige“ ganz oben. Bei den angewandten Künsten hörte der Spaß dort auf, wo die Anstrengung anfing. Kein griechischer Aristokrat konnte es sich leisten, den Eindruck zu erwecken, er habe es nötig etwas selber zu machen. Echte Amateure und Dilettanten waren auch damals nur diejenigen, die sich einer Kunst hingaben, ohne einen schnöden Zweck zu verfolgen.

Auch in der Renaissance und in der Aufklärung wollte man es nicht so engspurig angehen. Denn niemand sollte hinter seinen Möglichkeiten zurückbleiben sondern ein möglichst vollständiger und vollkommener Mensch werden. Das Leben am Hof der Fürsten unterlag sehr interessanten Regeln, die uns glücklicherweise übermittelt wurden. Wir verdanken es dem „Handbuch für Höflinge“, das Baldassare Castigliones 1528 veröffentlichte und als einziges Werk hinterließ, dass wir uns heute noch ein Bild davon machen können, was ein aufstrebender Aristokrat alles können musste, damit das Auge seines Herrn voller Wohlwollen auf ihm ruhte. Neben zwingend erforderlichen Hauptkompetenzen - wie umfassender Gelehrsamkeit, perfekter Beherrschung des Kriegshandwerks, außergewöhnlichem Mut und bedingungsloser Treue - war es damals sehr angesagt, auch noch in Nebenrollen zu brillieren. "Dazu gehörten Konversation, Dichten, Tanz und musikalische Übungen. Dem Höfling wurde Raffinesse bei der Kommunikation seiner zahllosen Vorzüge nahe gelegt. Man möge doch bitte jeden Anschein von Anstrengung bei der Zurschaustellung der eigenen Kunstfertigkeiten vermeiden, denn wahre Kunst sei nur dort zu finden, wo man die Kunst nicht sehe. Besser man vollführe seine Kunststückchen ganz beiläufig. So entstehe der Eindruck, dass einer, der Schweres mit so geringer Mühe zustande bringe, weit Größeres leisten könne, wenn er nur  echten Eifer und echten Fleiß an den Tag lege". (Zitiert nach Dr. Alexander Rosenbaum, Der Amateur als Künstler, S. 26 ff.)  Die wahre Kunst des Höflings bestand nicht in der Erlangung wahrer Virtuosität, sondern im Andeuten von Fähigkeiten.

Politik als Kunst des Andeutens von Fähigkeiten
Nicht alle Herrscher der Weltgeschichte übertrieben es mit dem Wunsch, alles selbst zu machen. Schauen wir uns einmal das Gute an, das mit dem Dilettieren auch gemeint war. Jahrhunderte lang war es die vornehmste Aufgabe des Herrschers, seinem Volk und seinen Höflingen in allen Künsten „voranzugehen“. Spätestens seit der Renaissance war das Dilettieren an den Höfen Europas mindestens üblich. Es wurde getanzt, gemalt, gesungen, gezeichnet, gedrechselt und Gebäude entworfen. Auch das Selbermachen kam sehr in Mode. Selbst gemalte, selbst gedichtete und selbst geschriebene Liebesbeweise galten als ungleich galanter, als alles was man kaufen konnte.

Auch wenn die vielen Könige, Herzöge und Grafen selbstverständlich nicht wirklich alles gleich gut konnten, so muss man ihnen doch zu Gute halten, dass sie wenigstens versuchten, ihren „Untertanen“ ein gutes Beispiel dafür zu sein, wozu ein umfassend gebildeter Mensch in der Welt alles taugt. Friedrich August I von Sachsen konnte… Friedrich II konnte...

Es darf uns auch ruhig ein wenig wehmütig stimmen, dass ambitionierte Herrscher sich früher bemühten, ihr Volk mit einem doch sehr breit und ambitionierten Repertoire an Künsten aller Art zu erfreuen und so gut es geht als Vorbilder zu leben und vorbildlich zu dilettieren. Und wie gingen wir, das Volk damit um? Nun, auch das Volk hatte Zeit zu dilettieren – aber erst nachdem alle notwendigen Arbeiten erledigt waren. Viele Künste waren ihm jenseits der Notwendigkeit der Mühe Wert. So etwas nennt man heute Volkskunst und die Museen sind voll davon.

Wo die Arbeit anfängt hört der Spaß auf
Wir haben es vor allem dem Protestantismus und dem Kapitalismus zu verdanken, dass das Dilettieren so übel in Verruf kam. Was Spaß macht kann keine Arbeit sein – und wenn’s Arbeit ist, kann es keinen Spaß machen! Erst der Schweiß heiligt die Mittel und Werkzeuge. Und wer nicht ARBEITET soll auch nichts Essen und bekommt deshalb HARTZ IV und kein Grundeinkommen.

Die Beziehung zwischen Amateuren und Profis war schon immer etwas angespannt. Wofür man Verständnis entwickeln kann, wenn man sich in die Lage eines ehrlichen Drechslermeisters versetzt, der im 16. Jahrhundert Maximilian I von Habsburg dabei hilft, an der programmierten Drehbank solange Elfenbeinrohlinge zu zerschroten, bis endlich ein vorzeigbarer Kandelaber dabei herauskam. [Das Drechseln galt lange Zeit als ein Probates Mittel gegen Melancholie.] Man stelle sich bitte vor, wie der Drechsler noch am Ende ehrliche Begeisterung zeigen musste, wenn endlich auch das Drechseln von Erfolg gekrönt war. Die nicht unbegabten Werke des königlichen Gedrechsels kann man heute noch in der Dresdner Kunstkammer besichtigen.

Womit wir beim Kern der Animositäten sind: Während der Amateur/Dilettant wegen des Vergnügen, die Kunst um ihrer Selbst willen ausübt, denkt sich der Profi und Experte – der von seiner Kunst leben muss und die Anerkennung seiner Profession fürs Überleben braucht: „Das muss man sich erst mal leisten können! Ich kann es mir jedenfalls nicht leisten.“ Womit sich die Frage stellt: Was würde er tun, wenn er es sich leisten könnte? Würde er dann endlich das tun, was er wirklich will? Oder würde er seine Arbeit aus purem Vergnügen machen und zum anerkannten Dilettanten werden?

Dass beim Profi der Spaß aufhört, wenn’s dem Amateur erst richtig anfängt Spaß zu machen, dafür ist die Beziehung zwischen dem Handwerk und dem Kunsthandwerk ein wunderbares Beispiel. Spätestens seitdem der Kunsthandwerkermarkt erfunden wurde, leidet das Handwerk so sehr unter diesem Begriff, dass man sich immer wieder auf die Suche nach einer anderen Bezeichnung machen musste, um sich als Nicht-Kunsthandwerker zu profilieren. Die letzte große Makramee-Welle, ausgelöst von einschlägigen Fachzeitschriften und dem Deutschen Hausfrauenbund, hätte die Existenz tausender wahre Unikat-Designer und „angewandter - Künstler“ bzw. begnadeter Meister-Designer fast vernichtet!

Vor dem Hintergrund unserer Verantwortung für die Zukunft und der Frage: „Was sollte für die Erlangung beruflicher Handlungsfähigkeit gelernt und gekonnt werden?“ dient als gute Anregung und Orientierung die im Gebr. Mann Verlag erschiene Publikation 
„Der Amateur als Künstler – Studien zu Geschichte und Funktion des Dilettantismus im 18. Jahrhundert“ von Dr. Alexander Rosenbaum

September 05, 2011

CARL OTTO CZESCHKA - Ein Wiener Künstler und die Hamburger Wirtschaft

Bauhütte Hamburg
Carl Otto Czeschka wurde am 22. Oktober 1878 als Sohn des Tischlermeisters Wenzel Czeschka in Wien geboren. Seine Mutter Mathilde geb. Hafner war Näherin und Stickerin. Sie starb an einer Lungenkrankheit, als er fünf Jahre alt war. Schon früh zeigte sich die Begabung des Kindes für das Zeichnen. Bereits als Dreijähriger zeichnete er am liebsten Pferde mit weißer Kreide auf dem mit schwarzem Wachstuch bedeckten Esstisch. Die Pferde in den Straßen Wiens hatten es ihm angetan, insbesondere die Kavallerie mit Marschmusik sah er mit Begeisterung. Größten Eindruck hinterließen bei ihm die Paraden im Frühjahr und zu Kaisers Geburtstag. Seinem Vater durfte er schon früh in der Tischlerwerkstatt für kleine Galanteriewaren tatkräftig helfen. Bei ihm fühlte er sich geborgen, trotz der großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Vaters und dem häufigen Wohnortwechsel innerhalb der Stadt. Der Vater arbeitete abends zusätzlich als Bühnenarbeiter in der Oper. Der Onkel, der nach dem Tod der Mutter den Haushalt führte, war Orgelbauer und wurde für Czeschka hinsichtlich der Genauigkeit der handwerklichen Arbeit zum Vorbild.

Eine Schulgeldbefreiung ermöglichte Czeschka den Besuch des Esterhazy-Gymnasiums, zu dessen Lehrern er jedoch kein Vertrauen hatte. Nachdem er als Elfjähriger den Unterricht geschwänzt hatte, um im Museum für Kunst und Industrie Bilder und Bücher zu betrachten, musste er die Schule verlassen, denn der Vater konnte das Schulgeld in Höhe von 20 Gulden nicht aufbringen. Czeschka begann eine Tischlerlehre bei seinem Vater und ging dann zur Realschule. Ab 1891 bereitete er sich auf der Abendschule gezielt auf das Kunststudium vor und finanzierte dies durch eine von seinem Freund Koloman Moser vermittelte Zeichenlehrerstelle bei den Kindern des Erzherzogs Karl Ludwig, des jüngeren Bruders von Kaiser Franz Joseph I.

Nach dem Studium bei Christian Griepenkerl an der Wiener Akademie der bildenden Künste von 1894 bis 1897 lehrte Czeschka dort zunächst als Hilfslehrer und später als Lehrer. Er erhielt schon früh Aufträge des Verlegers Martin Gerlach und der Wiener Druckerei C. Angerer & Göschl.

Die Zusammenarbeit mit den Kollegen Koloman Moser und Josef Hoffmann begann an der 1903 gegründeten »Wiener Werkstätte« (WW) und wurde bis 1914 weitergeführt, auch nachdem Czeschka 1907 an die Kunstgewerbeschule in Hamburg berufen worden war. Seine eigenen handwerklichen Fähigkeiten und Kenntnisse kamen ihm bei seinen Entwürfen für die »Wiener Werkstätte« neben seiner zeichnerischen Begabung und Phantasie sehr entgegen. Seine Arbeiten waren von großer Materialtreue geprägt – gleichgültig ob es sich um Zeichnungen und Grafiken handelte oder um Entwürfe für Schmuck, Besteck und Ziergerät, Stoff-Designs, Holzschnitte, Buchillustrationen, Kalender, Post- und Spielkarten, Schriften, Bühnenentwürfe und Kostüme, Möbel, Bildteppiche und Glaskunstfenster. Zu den Hauptwerken Czeschkas aus seiner Wiener Zeit gehören die Kaiserkassette, ein Geschenk der Skoda-Werke Pilsen an Kaiser Franz Joseph I. von Österreich (1905) und das Collier mit Feueropalen im Rahmen der Schmuckabteilung der »Wiener Werkstätte« (1909/1910). Etwa ab 1906 wurde Czeschka an den Entwürfen der »Wiener Werkstätte« für das Palais Stoclet in Brüssel beteiligt, dem Gesamtkunstwerks der »WW« des Architekten Josef Hoffmann. Dort gestaltete er u.a. sieben Fenster mit allegorischen Darstellungen für den Musiksaal des Palais und die beiden Marmorreliefs »Erzengel Michael« und »Allegorische Frauenfigur auf der Mondsichel« für die Halle des Palais.

Mit der Arbeit für den Verlag von Martin Gerlach (Gerlach & Schenk, Gerlach & amp; Wiedling) begründete Czeschka einen neuen wichtigen Schwerpunkt in seinem Werk, die Grafik- und Buchkunst. »Die Nibelungen« von Franz Keim, ein nahezu quadratisches Bändchen mit nur 68 Seiten, gilt als eines der schönsten Jugendstil-Bücher. Es erschien bei Gerlach & amp; Wiedling in mehreren Auflagen (1909, 1920, 1924), 1970 bei Parkland und später im Insel-Verlag.

Czeschka trennte sich 1907 von seiner Vaterstadt, um der Berufung nach Hamburg an die Kunstgewerbeschule am Steintorplatz zu folgen. Der Wiener Kritiker Ludwig Hevesi bezeichnete den Weggang Czeschkas als »Unglück« für Wien. Czeschka versorgte seinen Vater bis zu dessen Tod 1915 finanziell, damit dieser nicht länger in Geldsorgen leben musste.

1909 begegnete Czeschka dem Weltreisenden Julius Konietzko und freundete sich mit ihm und seiner Familie an. Konietzko brachte von seinen Exkursionen Kunstwerke aus Afrika mit nach Hamburg, u.a. für den Aufbau einer Sammlung im Neubau des Museums für Völkerkunde an der Rothenbaumchaussee (1908–1912). Czeschka war fasziniert von der Kunst des schwarzen Kontinents und begann selber, ethnologische Objekte zu sammeln, die ihn auch in seiner eigenen Arbeit inspirierten.

Noch vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs erhielt er Aufträge der 1833 gegründeten Hamburger Schriftgießerei Genzsch & amp; Heyse und beteiligte sich mit Plakaten an den Vorbereitungen der großen Tapetenausstellung 1911 in der Ferdinandstraße / Alsterdamm (seit 1947 Ballindamm). Ebenfalls 1911 ermöglichte Justus Brinckmann im Museum für Kunst und Gewerbe eine große Ausstellung zu Ehren der beiden Professoren Richard Luksch und Carl Otto Czeschka. Interessant ist es, dass in diesem Museum 1912 eine Ausstellung über Schaufenstergestaltung stattfand. Später wurde Czeschka von der »Detaillistenkammer« zum Mitglied der Oberjury für die Hamburger Schaufensterwettbewerbe berufen.

Die für ein halbes Jahr (von Mai bis Oktober 1914) konzipierte große internationale Messe des Buchgewerbes »BUGRA« in Deutschlands führender Buchstadt Leipzig, muss mit ihren Pavillons, Hallen und lebenden Werkstätten beeindruckend gewesen sein. Der Katalog des Österreichischen Hauses zeigte Czeschkas Holzschnitte von der k. k. Hof- und Staatsdruckerei. Ihm wurde der Königlich-Sächsische Staatspreis verliehen. Durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs am 1. August wurde die BUGRA vorzeitig beendet.

Der aus Dresden nach Hamburg berufene Fritz Schumacher hatte sich schon sehr früh zum Ziel gesetzt, für die Schule am Steintorplatz Erweiterungsmöglichkeiten in einer Kunstgewerbeschule neuen Typs zu schaffen. Sie sollte moderne und großzügige Werkstätten für alle künstlerischen Betätigungen erhalten. An der Ausstattung des Gebäudes beteiligte er die an der Schule tätigen Professoren – u.a. Carl Otto Czeschka, den Bildhauer Richard Luksch und den Maler Willy von Beckerath.

1913 wurde der Neubau der Kunstgewerbeschule am Lerchenfeld, die heutige Hochschule für Bildende Künste fertig. Von Czeschka stammte der Entwurf für das große Schmuckfenster »Die Botschaft der Schönheit« in der Treppenhalle, das ebenfalls zu seinen Hauptwerken zu zählen ist. 30 Jahre, von 1913 bis 1943, unterrichtete Czeschka am Lerchenfeld. Er war ein einflussreicher Lehrer. Seine penible Genauigkeit war bekannt und respektiert, aber auch seine Fähigkeit, die Schüler ihren Begabungen entsprechend zu fördern. Zahlreiche erfolgreiche Grafiker beriefen und berufen sich darauf, seine Schüler gewesen zu sein.

Zwei Jahre nach dem Lerchenfeld-Fenster entstand im Neubau der Gewerbekammer am Holstenwall (heute Handwerkskammer) die Fensterserie »Die Handwerke«. Es war Fritz Schumacher ein zweites (und damit leider letztes) Mal gelungen, Czeschka für eine Zusammenarbeit zu gewinnen. Inzwischen war den Professoren vom Lerchenfeld verboten worden, Aufträge für Staatsbauten anzunehmen. Weil die Fenster im Großen Saal des Gewerbehauses jedoch durch Stiftungen von Innungen und Verbänden ermöglicht wurden, konnte Czeschka den verschiedenen Handwerksberufen 1915 ein Denkmal setzen. Von den Bombenangriffen im Juli 1943 wurde zwar das Gewerbehaus weitgehend verschont, jedoch gingen die Fenster durch den Explosionsdruck zu Bruch. Ebenfalls zerstört wurden zwei Fenster-Triptychen Czeschkas in der Gnadenkirche St. Pauli-Nord.

Das Fenster der Kunstgewerbeschule war rechtzeitig ausgebaut und eingelagert, dann allerdings vergessen worden. Der große Schumacherbau am Lerchenfeld wurde weitgehend zerstört und mit ihm Czeschkas Atelier und der Klassenraum. Nur dem beherzten Einsatz von zweien seiner Schüler, Helmut Scaruppe und Norbert Bork, ist es zu verdanken, dass die umfangreichen Arbeiten, die Czeschka am Lerchenfeld sorgfältig aufbewahrt hatte, aus den Trümmern gerettet wurden. Ihnen ist ferner zu verdanken, dass der künstlerische Nachlass relativ vollständig erhalten geblieben ist.

Ab 1918 arbeitete der leidenschaftliche Zigarrenraucher Czeschka für seinen größten und wichtigsten Auftraggeber, die Zigarrenfabrik L. Wolff, die Louis Wolff 1867 in Hamburg gegründet hatte, und deren Vertriebsfirma HACIFA mit Läden bevorzugt in 1a-Lagen. Nach seiner Emeritierung und nach dem Krieg beschäftigte sich Czeschka mit dem Wiederaufbau und Umbau der HACIFA-Läden. Als Czeschka 1958 seinen 80. Geburtstag feierte, wurden die Schaufenster aller ca. 60 HACIFA-Läden entsprechend dekoriert – und fotografiert.

Anfang der zwanziger Jahre erhielt Czeschka von dem Bremer Kunstsammler und Exportkaufmann Sigmund Gildemeister den Auftrag, für dessen neu errichtete Villa im Stadtteil Hamburg-Hochkamp einen Gobelin zum Thema »Tausendundeine Nacht« zu entwerfen. Die Weberin Martha Heller übernahm gemeinsam mit fünf anderen Frauen die Webarbeit. Martha war die Witwe von Hans Heller, einem mit Czeschka befreundeten Professor am Lerchenfeld, der im Ersten Weltkrieg gefallenen war. Sie entwickelte bei der Vorbereitung des Gobelins die »schlitzlose Gobelintechnik«, die sie sich beim Reichspatentamt unter der Nr. 447973 schützen ließ. Als der Gobelin 1926 fertig war, heirateten die beiden. Der Gobelin wurde mehrfach auf Ausstellungen und 1955 auch im Foyer der Hamburgischen Staatsoper gezeigt. Der 9 qm große Gobelin befindet sich weiterhin im Besitz der Familie des Auftraggebers Gildemeister. Der Karton, die Vorlage des Bildteppichs, gelangte in das Museum für Kunst und Gewerbe.

Ein großer persönlicher Schicksalsschlag für den Künstler war im August 1951 der Tod seiner Frau Martha, mit der er seit den zwanziger Jahren zusammengelebt hatte. Freunde kümmerten sich um ihn, u.a. auch die Witwe seines im April 1952 verstorbenen Freundes Julius Konietzko. Kurz vor seinem Tod am 30. Juli 1960 heiratete Czeschka Elfriede Konietzko. Sein Nachlass konnte auf diese Weise durch sie und nach ihrem Tod in den siebziger Jahren durch ihren Enkel Henner Steinbrecht an das Museum für Kunst und Gewerbe übergeben werden.

Text: HELLA HÄUSSLER 
Bearbeitung: Billbrookkreis e.V. 
Bild: Karton zu einem Schmuckfenster für die Handwerkskammer Hamburg;
Foto: Museum für Kunst und Gewerbe

Zur Ausstellung in der Handelskammer zu Hamburg erscheint ein Katalog. 

Juli 22, 2011

Friedrichstadt ehrte seinen fünften Ehrenbürger

Karl Wilhelm Michelson 
*9.7.1921 - +15.9.2012
Bürgermeisterin Regine Balzer: "Ihre Arbeit ist so wertvoll"

Am 9. Juni 2011 wurde Karl Wilhelm Michelson zum Friedrichstädter Ehrenbürger ernannt - eine Auszeichnung, die vor ihm erst vier anderen Bürgern gewährt wurde. In einer 90-minütigen Sitzung dankten ihm die Bürgermeisterin und der Stadtrat für den Aufbau des Friedrichstädter Stadtarchivs.

Museumsleiterin Christiane Thomsen und Jörn Norden ehrten den frisch gebackenen Ehrenbürger. In ihren Reden beschrieben sie den Lebensweg des Stadtchronisten. Karl Wilhelm Michelson wurde am 9. Juli 1921 geboren und kehrte nach seiner Ausbildung zum Steuerberater in Husum in sein Haus am Mittelburgwall in Friedrichstadt zurück. Christiane Thomsen erinnerte daran, dass der Stadtchronist schon in der Grundschule eine Leidenschaft für die Stadtgeschichte entwickelte. Thomsen: "Historische Fakten und Zahlen haben Dich auch in Deiner Freizeit ständig begleitet. Euer Haus hat oft genug wie ein Altpapierlager ausgesehen - vor allem, wenn alte Zeitungen getrocknet werden mussten." Als ehrenamtlicher Stadtarchivar sei Michelson immer wieder mit der Bahn nach Schleswig ins Landesarchiv im Prinzenpalais gereist. Mehr als 700 Beiträge, darauf wies Jörn Norden hin, habe Michelson zu Stadtgeschichte geleistet. Christiane Thomsen: "So umfassend und uneigennützig wie Karl Michelson hat wohl selten jemand seiner Stadt gedient." In der Gesellschaft für Friedrichstädter Stadtgeschichte habe er ein Forum für seine Leidenschaft gefunden.

Bürgermeisterin Regine Balzer betonte in ihrer Rede die große Bescheidenheit des Geehrten: "Sie haben immer im Stillen gearbeitet und ich weiß, wenn es nach Ihnen gegangen wäre, hätte auch die heutige Ehrung in einem kleineren Rahmen stattgefunden. Sie haben aus innerer Überzeugung, ohne offiziellen Auftrag und ohne finanzielle Gegenleistung das wissenschaftliche Fundament für das Friedrichstädter Stadtarchiv gelegt. Durch ihre Arbeiten über die Geschichte unserer jüdischen Mitbürger ist es Ihnen gelungen, unser Bewusstsein dafür zu schärfen, wie wichtig ein respektvolles Miteinander ist. Sie haben bewiesen, dass ein gedeihliches Miteinander möglich ist, wenn die Achtung vor dem Anderen nicht verloren geht."

Friedrichstadts neuer Ehrenbürger dankte dem Publikum für dessen stehenden Applaus mit den Worten: "Es wäre mir das Liebste, wenn Sie sich erst mal alle wieder hinsetzen." Bei den Laudatoren Christiane Thomsen und Jörn Norden bedankte er sich mit den Worten: "Ich bewundere Ihre kriminalistischen Fähigkeiten. Ich wusste wirklich nicht, dass ich so viel gemacht habe." Eine Überraschung hielt noch Erhard Brauer, ein Nachbar des Geehrten, bereit: In unmittelbarer Nähe des Michelson-Hauses ließ er eine umgestürzte Linde durch eine neue ersetzen. Zum Abschluss der Feierlichkeiten lud die Bürgermeisterin zu einem Umtrunk.

Text: Regine Balzer / Andreas Grzybowski
pic: Wernfried Knudtsen

März 11, 2011

Barthold Heinrich Brockes und Georg Philipp Telemann


„Gieb jedem Instrument das was es leyden kann,So hat der Spieler Lust, Du hast Vergnügen dran“ Telemann

Barthold Heinrich Brockes und Georg Philipp Telemann

oder:

die Verbürgerlichung des Barock

Anlässlich der Eröffnung einer Ausstellung „Telemann in Hamburg 1721-1767“ im Hamburger Rathaus - initiiert von der Hamburger Telemann-Gesellschaft in Kooperation mit Marcard pro Arte - hielt der Telemannkenner Prof. Dr. Peter Klein eine Hommage an den großen Komponisten, dessen Werk und Schicksal untrennbar mit dem der Freien und Hansestadt verbunden ist. Wir veröffentlichen hier Inhalte seiner Publikation sinngemäß:

Haydn – Mozart – Beethoven sind ein Dreiklang, der jedem kulturgeschichtskundigen Deutschen zutiefst vertraut ist. Die „Klassik“ und „Wien“ sind für die Musik das, was „Weimar“ für die Literatur ist, Symbole unserer „Leitkultur“. Im Zeitalter der Massenkultur denkt jeder sofort an Mozart, an „Wolfgang Amadé, das Engelskind“, den Heiteren, unerschöpflich Verspielten oder an Beethoven, den Titan und Gottsucher. Und denkt man in diesem Zusammenhang auch an Haydn? Das ist nicht mehr so klar! Dieser angestellte Musiker auf Schloß Esterhaza war zwar ihr Vorläufer, Mentor und Lehrer. Aber damit hat es sich dann auch. Mit Haydn werden - sehen wir mal von unserer Nationalhymne ab - keine weltbewegenden Themen, Lieder oder „Ohrwürmer“ assoziiert. Denn „Genie“ ist ja nach allgemeinem Sprachgebrauch: von Natur aus „überströmend“, ums Absolute „ringend“. Ausnahmenatur jedenfalls. Bei „Papa Haydn“ hingegen riecht es eher nach redlicher Arbeit, nach Mühsal und Bürgerlichkeit.

Bereits ein gutes Halbjahrhundert früher schenkte das Zeitalter des „Barock“ der Musik eine ähnliche Trias. Auch sie war – allerdings lockerer - mit einer Stadt, diesmal mit Hamburg, verbunden. Ich denke an Bach, Händel und Telemann! Bach war unbestrittener Mittler zwischen Mensch und Gott, Händel ein Genie ausdrucksvollen Wohlklangs, - und dann gab es auch noch Telemann, der – in diesem Punkt „Papa Haydn“ ähnlich - als armer „director musicis“ in die Geschichte einging. Doch wird man Telemann nicht gerecht, wenn man ihn als Bürger abwertet, dem die Kunst nur zum reinen Broterwerb diente, und den bestenfalls handwerkliche Tüchtigkeit auszeichnete - ein musikalisches Pendant zu den Pfeffersäcken, „Genie“ nur in der Selbstvermarktung (Stichwort „Tafelmusik“)?

Denn erstens: „Bürgertum“ kann in diesem Zusammenhang nicht abwertend gebraucht werden. Die „Verbürgerlichung“ war für die Aufklärung notwendig und Voraussetzung für den Abstieg des überholten Feudalismus. Aufklärung und Verbürgerlichung waren außerdem notwendige Übergänge zur „Klassik“, die in Weimar zum Gipfel der Menschheit wurde. Bürgerlicher Bildung sei Dank!

Die Geisteskultur in dieser Phase vor der drohenden spirituellen Verspießung zu bewahren, diese Ehre gebührt – ausgerechnet Hamburg? Jedenfalls der für Hamburgs Geistesgeschichte zentralen Gestalt: dem Ratsherrn, Diplomaten und Dichter Barthold Hinrich Brockes. Er war es, der, wie gut belegt, Telemanns Berufung 1721 maßgeblich betrieb. Fast gleichaltrig, standen die Zeitgenossen schon vorher in Kontakt und waren einander in gegenseitiger Hochachtung verbunden, die in Hamburg zur Freundschaft wurde. Telemann vertonte schon vor seinem Ruf nach Hamburg Brockes´ Gedichte, und dieser stellte ihn, den „berühmtesten Componisten dieser Zeit“, noch über Orpheus, bekann mit der Veröffentlichung seines Hauptwerkes im selben Jahr als jener kam: jenes neun Bände von je mehr als 500 Seiten umfassendes Werk namens „Irdischen Vergnügens in Gott“. Diesem Brockes ist es zu verdanken, dass auch die Bürger der Stadt Hamburg den Wert ihres neuen Musikdirektors erkannte und ihn so freundlich aufnahmen, dass Telemann in einem Lebenslauf von 1744 voller Dankbarkeit schreibt, dass Hamburg sich ihn „durch Liebe und Ehre so gar zu eigen (machte), dass er sie bey guter Gesundheit mit Vergnügen und zärtlichster Erkenntlichkeit bewohnte“.

Brockes´ geistesgeschichtliche Stellung war nämlich komplexer, als es einerseits die “Sozialgeschichte der Aufklärung“, andererseits die Literaturgeschichte nahe legen. Dieser gilt als Dichter des „Barock“. Aber ist er das wirklich? Ist er, der 1680 geboren wurde und 1747 starb, wirklich den Dichter "des ersten Barock" zuzurechnen? Einem Martin Opitz (+1639), Andreas Gryphius (+1664), Daniel Casper von Lohenstein (+1683), Angelus Silesius (+1677) oder dem Spätling Quirinus Kuhlmann (+1689)? Hat Brockes Werk tatsächlich Ähnlichkeiten mit der diesen frühen Barock charakterisierenden bedingungslosen Unterwerfung unter die göttliche Vorsehung, die sich vorwiegend als Krieg, Leid und Zerstörung offenbarte und jede menschliche Existenz als „zernichtende“ vanitas erscheinen lässt? Weist Brockes Werk wirklich die asketische und emphatische Spannung auf, das Hin- und Hergerissen sein zwischen Diesseits und Jenseits, diese jenseitsgierige Sucht nach Einklang mit der universalen und objektiven göttlichen „ordo“?

Nein: Brockes erfährt diesen „ordo“ – anders diese Vertreter des frühen Barock - auf eine ausgesprochen lustvolle Weise. Er interpretiert ihn als eine schöne Ordnung, in der sich Gott dem Menschen als der Allgütige offenbart, als Ausdruck einer unendlichen, liebevollen Fürsorge, so dass man dafür Gott bewundern, ihm dafür danken müsse. Brockes tut dies mit seiner Kunst in einer so positiven Ausschließlichkeit, dass sie einem modernen Aufklärer wie Arno Schmidt als „reinste Bockssatyre“ vorkommt, als „kanzlistenmäßiges“ Christentum von der "plattesten Sorte der Zeit". Arno Schmidt: „Man verehrt Gott mit hausbesitzerhafter Sicherheit, gleichsam wie den absolut verlässlichen Vorsitzenden seines Vermieterverbandes (!).“ Und weiter: das wirke allzu „naiv und grotesk“ und ließe sogar Zweifel an Brockes Ehrlichkeit aufkommen, selbst wenn es so „niederschmetternd redlich gemeint“ gewesen sei.

Allerdings: Wirklich naiv war Brockes nicht. Er zieht gegen die kriegerische „Ehr“ – Sucht der absolutistischen Herrscher seiner Zeit zu Felde und formuliert das Theodizee-Problem humorig mit Hilfe einer Parabel über einen faulen Zahn. Seine (nach Schmidt: „ängstlich-trockene“) „Anleitung zum gottseligen (korrekt „vergnügten und gelassenen“) Sterben“ war von theologischem Rang. Und mit wenigen Worten lotet er in seiner Klage „auf Seinen krancken und sterbenden Sohn“ schwierigste seelische Tiefen aus.

Es handelt sich um einen durchaus aufklärungsgemäßen „Deismus“. Einen Deismus aber, der sich nicht auf die Plattheiten der „zweiten“ Aufklärung beschränkt, die ein Vulgärmaterialismus charakterisiert und die sich nicht zu Schade ist, zum Ratgeber für die Wehwehchen des Alltags zu werden. Brockes Spiritualität ist noch voller Ernsthaftigkeit und von der ehrlichen Frage nach Gott durchdrungen. Und er gibt diese Ernsthaftigkeit über bedeutende Vermittler wie Hermann Samuel Reimarus, Moses Mendelssohn oder Gotthold Ephraim Lessing an die großen Denker des sich vollendenden bürgerlichen Zeitalters weiter, bei denen sich die objektive Transzendenz des göttlichen ordo in Immanuel Kants humanzentrierte Theorie der Vernunft verwandelt, woraus sich für den Neuhumanismus die radikale Verpflichtung eines jeden Menschen ergab, durch (Selbst-)Bildung „seinem Wesen Wert und Dauer zu verleihen“ (W. v. Humboldt).

Diese Nähe zum göttlichen ordo sucht auch Telemann zu bewahren; nicht, wie Bach, durch natürliche Gnade; auch nicht wie Händel im Durchgang durch die Tiefen der Krankheit; sondern durch eine lebenslange Bindung an die musikalische Objektivität des strengen Kontrapunkts. So wie Brockes den Kosmos mit Hilfe der Sprache im Menschen spiegelt, möchte Telemann die kosmische Ordnung im Reich der Töne sichtbar machen: Mit allen Varianten, Techniken, Farben und Ausdruckformen, die ihm zur Verfügung stehen. Dies schließt den Ausdruck von Emotion zwar ein, bleibt aber immer an eine feste Form gebunden und wird so auch „lehrbar“. Eine Lehrbarkeit, die sich zwar der Gefahr bildungsbürgerlicher Trivialisierung aussetzt. Aber eine Trivialisierung, der wir in der romantischen Gegenbewegung, die Musik als reines Gefühl begreift, noch weit öfter begegnen. Positiv gewendet ließe sich also sagen: Telemanns Musik ist zuchtvolle Methode, Vorbild und Appell, sich bei der nunmehr jedem Menschen gestellte Aufgabe der Selbst-Bildung nicht mit Dilettantismus und subjektiver Beliebigkeit zu begnügen, sondern in aufgeklärter Autonomie dem eigenen Selbst Wesentlichkeit und Dauer zu verleihen.

Foto: (copyright) Wernfried Knudtsen - 25840 Westermarktstrasse 2
Text - Bearbeitung: Andreas Grzybowski
Download: KulturGut - Friedrichstadt

Februar 03, 2010

Deutsches Malermuseum blüht im Verborgenen...

... durch Eintracht und Bürgersinn

Schon auf den ersten Blick sticht das Gebäude aus dem Umfeld heraus. Solch ein Kleinod kann man lange suchen. Und in diesem Stadtteil sowieso. Einfach zu finden ist es nicht: Man muss die ewig langen Straßen Billbrooks bis ans Ende fahren, an endlos langen Grundstücken mit Fabriken, Lagern und Hallen vorbei. Dann biegt man einmal um die Ecke und ist Mitten auf dem Lande. Hinter den Fabriken stehen Bauernhöfe, Gründerstilvillen, 20er Jahre Backsteinhäuser.

Es gibt Milch und Fleisch vom Direktvermarkter, den Tischler, Wiesen und das stille Wasser der Bille, der Billbrook seinen Namen verdankt. Wer hier spazieren geht, bleibt auf dieser Höhe unwillkürlich stehen. Ein kleiner Barockgarten und ein besonders schöner Holzständerbau laden zum Innehalten ein. Das 400 Jahre alte Gebäude erfreut die Wanderer mit einem hübschen Glockenturm und einer sehr gepflegten Fassade. Dass dies das „Deutsche Maler- und Lackierermuseum“ ist, muss man sofort glauben.

Zweimal die Woche öffnet sich die schön gemalte Tür den Besuchern. Samstag und Sonntag Vormittags zwischen zehn Uhr und Eins. Das kleine Haus berichtet seit 25 Jahren von zwei großen Geschichten: Von der Geschichte des Malerhandwerks, das über Jahrhunderte unsere Kultur mitgestaltet hat. Und vom Mut der Hamburger Maler-Innung, die im Jahre 606 ihres Bestehens ein Museum gründete, das uns daran erinnert, was uns an Schönheit und Kultur verloren ging.

Das Haus ist jeden Zentimeter Kulturgeschichte: Die Wände und Decken sind kunstvoll bemalt und mit Stuckaturen verziert. Im Obergeschoss zeugen barocke Deckengemälde vom Schönheitssinn einstiger Bewohner. In den Vitrinen finden die Besucher Gemaltes quer durch acht Jahrhunderte. Hier kann man sehen, was Schildermaler, Bildermaler, Buchmaler, Kirchenmaler und Kunstmaler in der Vergangenheit alles konnten. Es wurden Wände, Bilder, Glas, Möbel, Holz und Leinwand beschrieben, bemalt, vergoldet und dekoriert. Immer neue Werkzeuge, Materialien und Maltechniken wurden entwickelt. Und Meisterstücke beweisen: Kunst kam einst von Können. Vor dem Auge des Betrachters entsteht die Welt verloren gegangener Künste und vor allem die liebevoll gemalten Details erinnern die Besucher daran, was Menschen früher noch der Mühe wert war.

Solch kulturhistorisches Kleinod verdankt Hamburg dem unermüdlichen Eifer des ehemaligen Obermeisters der Malerinnung Joachim Germann, nach dem ein kleiner Platz vor dem Museum benannt wurde. Heute wird das Museum vom "Verein zur Förderung des Deutschen Maler- und Lackierer-Museum e.V." getragen, dessen Vorsitzender Rudolf Gregersen ist. Ihrem großen persönlichen Engagement ist zu verdanken, dass die große Geschichte dieses Handwerks nicht dem Vergessen anheimfällt. Ein bemerkenswertes Engagement, das Respekt, Beachtung und Förderung verdient. Mehr als es heute der Fall ist.

Deutsches Maler- und Lackierermuseum
Billwerder Billdeich 72
22113 Hamburg - Billwerder
Öffnungszeiten Februar – November
Samstag und Sonntag 10.00 – 13.00 Uhr
(c) Foto: bei Verwendung des beiliegenden Bildmateriales liegt das Copyright Fotografenmeister Wernfried Klutzen / Andreas Grzybowski

März 05, 2008

Interview mit Richard Sennett

KulturGut:In Ihrem Buch „Craftmanship” beschreiben sie Handwerk als zentralen Aspekt unserer Kultur. Was geschieht, wenn das Prinzip Handwerk verlorgen geht?

Richard Sennett:
Die Menschen verlieren ihre Selbstachtung und die Fähigkeit eine Arbeit um ihrer selbst willen gut zu machen.

KulturGut:Ist Handwerk einem ständigen Niedergang unterworfen, oder können wir Handwerk als etwas beschreiben, dass sich seit Jahrtausenden immer wieder neu erfunden hat?

Richard Sennett:
Das ist eine gute Frage. Unsere Vorstellung von Handwerk ist tatsächlich oft veraltet und zu romantisch. Wir verbinden mit dem Begriff „Handwerker“ oder „craftsman“ oft nur die Kunsthandwerker. Aber tatsächlich hat sich Handwerk immer wieder neu erfunden. Manchmal unterstützt durch Computer. Manchmal im Rahmen neuer technischer Produktionsverfahren. Selbst im Bereich der Dienstleistungen finden wir Handwerk. Krankenpflege zum Beispiel, ist meiner Meinung nach ein Handwerk. „Craftmanship“ bedeutet für mich das Prinzip des Erlernens und Übens von Fertigkeiten, persönliches Engagement und der Wunsch und die Fähigkeit Arbeit um ihrer Selbst willen, gut zu machen.

KulturGut:Nun gibt es - anders als in den USA - in Europa nicht nur das Prinzip Handwerk sondern auch Volkswirtschaften in denen der Sektor Handwerk eine bedeutende Rolle spielen. Wir finden in Deutschland und Österreich viele Handwerksunternehmen, die alle ihre Definition von „Craftmanship“ erfüllen.

Richard Sennett:
Ja. Aber Ich glaube nicht, dass wir Craftmanship nur mit diesen kleinen Unternehmen in Verbindung bringen sollten. Toyota zum Beispiel ist ein Weltkonzern. Aber die Arbeiter in der Fertigung wissen genau, was ihre Maschinen können und sie haben das Recht, das Fließband anzuhalten. Das Gleiche gilt für Nokia, das ich für ein nach handwerklich organisiertes Unternehmen halte. Craftmanship ist etwas, das wir nicht nur in kleinen Unternehmen finden. Ich habe mich in Japan mit Arbeitern von Toyota unterhalten. Sie stoppten das Fließband. Wir sprachen über ihre Arbeit. Anderseits haben Sie In einer Hinsicht Recht. Gutes Handwerk braucht oft die persönliche Kommunikation. Dennoch sollten wir nicht davon ausgehen, dass Handwerk nur für kleine Unternehmen wichtig ist und nur dort gelebt werden kann. Wir sollten in Sachen Handwerk auch von Toyota und Nokia lernen, von ihrer Art und Weise die Arbeit in ihren Fabriken organisieren.

KulturGut:Gibt es nicht einen natürlichen Gegensatz zwischen Handwerk und Industrie? Basiert das Prinzip „Industrie“ nicht auf Standardisierung und Kontrolle aller Prozesse? Neigen die industriellen Unternehmen nicht dazu, die ganze Wertschöpfungsketten bis hinunter zum Menschen kontrollieren und steuern zu wollen – einschließlich der Märkte und des Konsumverhaltens?

Richard Sennett:
Das glaube ich nicht. Ich sehe keinen Gegensatz zwischen Handwerk und Industrie. Es wäre durchaus möglich industrielle Arbeitsplätze so zu gestalten, dass auch die Industriearbeiter sich in ihrer Berufsbiographie stetig weiter entwickeln können. Haben sie den ersten Level an Kompetenzen erworben, dann könnten sie sich für die nächst höherer Stufe qualifizieren. Auf diese Weise ginge es immer weiter aufwärts. Für mich liegt der Schlüssel in der Planung und Gestaltung der Berufsbiographien. Ich denke, dass die Industrieunternehmen früher oder später Probleme bekommen, die ihre Produktion nicht im Gespräch mit ihren Mitarbeitern weiterentwickeln. Toyota ist in diesem Sinne ein sehr interessantes Unternehmen. Die Produktion nach dem Prinzip Craftmanship zu organisieren ist außerdem soviel effizienter als das alte fordistische System der Arbeitsteilung. Toyota hat viel höhere Produktivität als General Motors und Ford, weil die Mitarbeiter von Toyota motivierter sind. Und die sind motiviert, weil sie sich ständig weiterentwickeln können. Ich denke: Die größte Herausforderung besteht heute darin, mehr Industrieunternehmen dazu zu ermutigen den Weg von „Craftmanship“ zu gehen und von Toyotas handwerklicher Organisation von Arbeit zu lernen.

KulturGut:Hat der Japanische Weg nicht auch mit dem Prinzip „Zen“ zu tun. Mit der taoistischen Art und Weise zu denken und zu leben?

Richard Sennett:
Sicher. Ich verweise in meinem Buch in diesem Zusammenhang aber auch gerne auf die visionäre Arbeit von William Edwards Deming. In meinem Buch schreibe ich deshalb über das Prinzip des „Total Quality Managements“. TQM Systeme fördern einen kontinuierlichen Austausch und Lernprozess der Mitarbeiter darüber, wie die Arbeit oder die Produkte verbessert werden könnten. So werden die Probleme und ihre Lösung ihnen zu einer persönlichen Angelegenheit und sie stellen ihre Kreativität in den Dienst der Unternehmen.

KulturGut:Die Intellektuellen und die Wissenschaft fanden das Thema Handwerk bisher nicht sehr interessant und haben wenig darüber nachgedacht und gearbeitet. Warum?

Richard Sennett:
„Ja, das ist eine wunderbare Frage. Ich beschäftige mich mit diesem Aspekt in meinem Buch im Zusammenhang mit der Europäischen Entwicklung 17. Jahrhundert. Dazu ich erzähle ich Ihnen auch eine Geschichte. Ich unterrichte sowohl am MIT als auch am LSE. Meine Kollegen fragten mich letztlich, was ich eigentlich tue. Und ich habe gesagt: „ Ich schreibe ein Buch über Handwerk.“ Und dann habe zurückgefragt: Was denken Sie, macht Ihrer Ansicht nach ein gut funktionierende Entwicklungslabor aus? Einer von Ihnen – es war ein Nobelpreisträger – antwortete: ein gut arbeitendes Labor ist eines, in dem viele Hände bei der Arbeit sind und in dem der Meister und die Lehrlingen nicht nur in einem ständigen Austausch darüber sind, wie die Arbeit verbessert werden kann, sondern auch darüber, wie man aus Fehlern lernen kann. Fehler finden und dabei lernen, das ist gutes Handwerk und gute Wissenschaft. Meiner Meinung nach sind gute Wissenschaftler eigentlich Handwerker. Das Phänomen ist: Wir nennen sie nicht mehr so.

KulturGut:Würden sie es als eine Abwertung ansehen, wenn wir sie als Handwerker bezeichnen?

Richard Sennett:
Nein, ganz und gar nicht Sie würden es lieben.

KulturGut:
Da der Titel ihres Buches „Handwerk“ lautet, verrät uns die öffentliche auch viel darüber, wie das Prinzip Handwerk wahrgenommen wird. Gibt es kulturelle Unterschiede?

Richard Sennett:
Ich weiß nicht genug über Deutschland. Aber es gibt interessante Unterschiede zwischen England und den USA. In den USA wird „Craftmanship“ für ein unerreichbares Ideal gehalten. Die Menschen denken, dass Craftmanship mit dem Kapitalismus nicht vereinbar ist. Die Arbeitnehmer in den USA haben heute eine entmutigte, eine fatalistische Haltung. Sie glauben nicht mehr daran, dass die Arbeitgeber ein Interesse daran haben, sie zu fördern. Das gilt nicht für Großbritannien. Den Grund hierfür sehe ich in der Labour Party, für die seit ihrer Gründung vor 130 Jahren, Craftmanship für ein fundamental wichtiges Prinzipien ist. Das ist der Grund, warum in Großbritannien der Wunsch sehr verbreitet ist, eine gute Arbeit zu machen – ein Arbeit gut zu machen.

Die Amerikaner vermitteln oft ein falsches Bild von sich und ihrer Kultur. Sie präsentieren sich wettbewerbsorientiert und aggressiv. Ich habe mein Leben damit verbracht Amerikanische Arbeitnehmer zu interviewen und ich musste feststellen, dass sie zutiefst entmutigt sind. Sie glauben nicht mehr daran, dass sie die Möglichkeit haben werden das zu tun, was sie wirklich, wirklich tun wollen. Und sie sind voller Bedauern, dass sie sich nicht entfalten können. Und sie denken, dass die Gesellschaft sie dabei nicht unterstützt sondern eher behindert.

KulturGut:Es gab zu Beginn der Industriellen Revolution die Arts and Crafts Bewegung. John Ruskin war ihr wichtigster Vordenker und er hat das Thema Handwerk bereits sehr modern analysiert und gedacht.

Richard Sennett:
Das stimmt. Er ist eine sehr interessante Figur, weil er einen umfassenden wissenschaftlichen Blick auf Handwerk hatte. Die Arts and Craftsbewegung war ein wichtiges Experiment aber sie hat Fehler gemacht, aus denen wir lernen können. Leider war Ruskin von diesem furchtbaren Hass auf die Maschine beseelt. In diesem Punkt war er ein Mann seiner Zeit. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass die Maschine eines Tages zu einem Werkzeug des Menschen werden könnte. Deshalb führt er uns an dieser Stelle nicht weiter. Aber seine Betonung der Vielfalt und des experimentellen Arbeitens ist sehr bemerkenswert und wichtig. In diesem Sinne ist er in höchstem Maße modern.

KulturGut:Zumal Ruskin die Verantwortung des Konsumenten als erster mitgedacht hat. In gewisser Weise hat Ruskin einen nachhaltigen Lebensstil gefordert.

Richard Sennett:
Das gilt auch für William Morris, sein Mitstreiter. Er möchte, dass der Konsument stärker aus der Perspektive des Produzenten denkt. Der Konsument solle, wenn er etwas kauft, darüber nachdenken, was es ist und wie es gemacht wurde. Sie haben vollkommen Recht. In diesem Sinne sind beide sehr modern.

KulturGut:
Sie sprechen in Ihrem Buch darüber, dass wir in Bezug auf unsere Fertigkeiten auf den Schultern von Riesen stehen. Sie betonen wie wichtig es ist, dass Craftmanship nicht etwas ist, das nur die Eliten angeht.

Richard Sennett:
Mir ist sehr wichtig mit meinem Buch darauf hinzuweisen, dass die Eliten in den USA und Europa dazu neigen, auf alle Menschen herunterzusehen, die ganz normale Jobs machen. Aber das ist ganz Falsch. Denn selbst vermeintlich einfache Tätigkeiten und Berufe, erlauben es uns täglich neue Erfahrungen zu machen und dabei täglich etwas dazuzulernen. Tatsächlich hat Europa, ich denke an das Bildungswesen, den Glauben an die Fähigkeiten und Fertigkeiten die in jedem Menschen stecken verloren. Das ist ein wirkliches Problem. Es hat auch etwas mit Klassenbewusstsein zu tun. Es ist eine Form von Snobismus.

KulturGut:Liegt es nicht auch daran, dass wir nichts mehr von einander wissen? Wir haben keine Ahnung mehr, wie viel Fähigkeiten und Fertigkeiten viele Berufe erfordern? Das Erlernen eines Handwerks bis zur Meisterschaft erfordert gut sieben Jahre. Es ist nicht weniger zeitaufwendig als Musiker zu werden.

Richard Sennett:
Das ist völlig richtig. Aber vielleicht wollen wir es auch gar nicht wissen? Denn wenn uns bewusst ist, wie viel Wissen und Können selbst ganz normale Jobs erfordern, dann könnte es zur Folge haben, dass man Menschen besser bezahlen und mit mehr Respekt behandeln muss.

KulturGut
„Am Ende ihres Buches, in den Schlussfolgerung steht, dass „Handwerk Sozialismus braucht“ . Können Sie uns das erklären?“

Richard Sennett:
„Nun. Wir neigen dazu besondere Fertigkeiten dem Individuum als sein persönliches Verdienst zuzuschreiben. Die Meinung, dass wir diese Fertigkeiten ganz alleine oder sogar im Wettbewerb mit anderen Menschen entwickeln können, ist weit verbreitet. Dahinter steht eine diffuse Idee von Begabung. Etwas das auch irgendwie mit der Biologie zu tun hat. Das ist ein sehr verhängnisvoller Irrtum. Keiner der nichtmarxistischen Frühsozialisten, wie Charles Fourrier, Henri de Saint-Simon oder Robert Owen hatte verstanden, dass wir nur durch Kooperation und Interaktion mit anderen Menschen unsere Fähigkeiten weiterentwickeln können. Menschen, die immer nur in ihrer eigenen kleinen Arbeitsumgebung bleiben, können ihre Fähigkeiten nicht gut weiter entwickeln. Das meine ich, wenn ich in diesem Kontext von Sozialismus spreche. Wissen Sie, ich bin kein Marxist und war niemals einer. Wohl aber ein Sozialist.

Ich möchte mit meinem Buch den Zusammenhang zwischen Kooperation und der Weiterentwicklung unserer Fähigkeiten aufzeigen. Wissen Sie, wir glauben manchmal, das soziale Leben würde nur dazu beitragen, dass wir uns irgendwie besser fühlen. Aber es sorgt darüber hinaus dafür, dass Menschen besser Denken können. Auch wenn Sie das verstehen, ist diese Sichtweise nicht sehr weit verbreitet. Das ist es, was ich mit diesem Satz sagen wollte.

KulturGut:Vielen Dank Herr Sennett für das spannende Gespräch. Wir wünschen ihnen sehr viel Erfolg mit Ihrem neuen Buch.

Januar 27, 2008

Die Könnensgesellschaft


Ein Essay über die Zukunft der Künste

Der Tag, an dem sich die Kunst vom Können emanzipiert hat, war ein schwarzer Tag in der Geschichte der Menschheit und unserer Kultur. Es war die logische Konsequenz des Übergangs zur Industriegesellschaft und es führte dazu, dass das Können, als wichtigstes individuelles und kulturelles Vermögen, in einem unvorstellbaren Umfang abgewertet wurde und heute immer noch wird.
Ein gesellschaftliches Gemälde, in dem sich die anmaßende „wahre Kunst“ als „Ware Kunst“ von den dahinter stehenden Verhältnissen nicht befreien kann und will. Das Geschah im Interesse der Wirtschaft, die auf dem Konsumismus basiert, der inzwischen aber dabei ist, seine eigenen Grundlagen zu zerstören: seine natürlichen und seine kulturellen Voraussetzungen.
War früher das Können für diesen Stoffwechsel mit der Natur konstitutiv und hatten alle Menschen ihren Anteil an diesem Können und waren aktiver Teil von alltäglicher Kulturproduktion, so hat im 19. Jahrhundert die Industrie mit dem Kunstkönnen und der damit verbundenen kulturellen Vielfalt Tabula Rasa gemacht.

Die Welt dahinter: die Welt der Produzenten, die Welt der lebendigen Arbeit erfuhr einen ökonomischen und kulturellen Abwertungsprozess ohne gleichen.
Europa spielte bisher eine einzigartige Rolle in der Welt: wegen seiner großen kulturellen Vergangenheit und der unvorstellbaren Vielfalt auf engstem Raum.
Das 20. Jahrhundert hat dann aus Menschen Konsumenten gemacht. Dies war wiederum mit einem deutlichen Verlust an Alltagskompetenzen, Alltagswissen und Können verbunden. Unter den Bedingungen der Globalisierung droht dem Können und dem Restbestand an aktivem, eigenständigem kulturellen Vermögen nun endgültig das Aus. Wissen ist alles, Können ist nichts. Das Bildungsziel an den öffentlichen Schulen ist konsequenter Weise auch nicht mehr die Fähigkeit zu einem selbstbestimmten Leben, sondern „Employability“ die Fähigkeit als Arbeitskraft nachgefragt zu werden.

Doch das war und kann nicht Europas Weg in die Zukunft sein. Wenn unsere Bildungssysteme, Politik und Gesellschaft weiterhin das Ziel verfolgt, dass die Masse der Menschen in Europa in Zukunft nichts mehr können sollen, außer Fernsehen – dann ist diese Kultur und ihre Wirtschaft schon deshalb bald am Ende, weil uns Grenzen gesetzt sind, die wir nicht länger ignorieren können.
Wenn wir unseren Wohlstand in Zukunft mit einem Bruchteil an Ressourcenverbrauch erzeugen müssen und dennoch, entsprechend unserer europäischen Kultur, allen Menschen nicht nur eine passive Teilhabe – als Konsumenten – sondern eine aktive Teilhabe als Produzenten und gesellschaftliche Wesen zugestehen wollen, dann kann dies nur gelingen, wenn wir eine Könnensgesellschaft werden. Eine Gesellschaft die verstanden hat, dass die Grenzen des Wachstums, die uns gesetzt wurden, nur quantitative Grenzen sind aber niemals keine Könnensgrenzen. Wir müssen eine Gesellschaft von Könnern werden, die in einen Wettstreit darum eintritt, wer innerhalb der uns gesetzten Grenzen am besten aus wenig viel macht.
Eine Gesellschaft des Respekts vor dem Können und dem menschlichen und kulturellen Potenzial eines Jeden. Eine Gesellschaft in der wir bereit sind unser Können gegenseitig zu respektieren, und für die Vielfalt der Künste und des Könnens einen fairen Preis zahlen. Eine Wirtschafts –und Lebensweise, die dem Schutz und der Entfaltung des Lebens dient und dem sich entfaltenden Können jedermanns Respekt zollt. Eine Gesellschaft, die nicht auf Abwertung sondern auf Wertschätzung und Aufwertung des menschlichen Können beruht.

Denn Könnerschaft zu entfalten ist ein menschliches Vermögen, das Quelle eines dauerhaften Glücks ist. Könnerschaft, verbunden mit der Fähigkeit einen echten und einen sinnvollen Nutzen für sich und andere zu erzeugen, ist eine Quelle dauerhaften, individuellem und kollektivem Wohlstandes. Das Prinzip Können schließt niemanden aus, der zwei Hände hat, einen Kopf zum Lernen, ein Herz und Talent. Denn Können ist anders als Wissen etwas, dass auf Übung und Erfahrung beruht, das wir ein Leben lang und bis ins hohe Alter entfalten, perfektionieren und weitergeben können, das uns selber und uns gegenseitig kostbar macht.

In den gesättigten Märkten hat die Massenproduktion es schwer. Aber auch die Steigerung der Variantenvielfalt in der Massenproduktion führt letztlich zu einem Überdruss am immer mehr vom immer gleichen.
Sollte es gelingen, dass der in unserer Konsumentengesellschaft entbrannte Wettbewerb um Kennerschaft in einem gelebten vor Könnerschaft mündet, dann bestehen Chancen, dass der Übergang in eine „dematerialisierte Wissensgesellschaft“ geling, ohne das wir mit einen großen Teil der Gesellschaft als „entqualifizierte Jobholder“ und „Diener einer neofeudalen Gesellschaft“ abhängen. Daran würde nicht nur unsere Kultur, daran würde jeder Schaden nehmen: der Diener und der Herr.
Text - Copyright: M.A. Christine Ax
(c) Foto: bei Verwendung des beiliegenden Bildmateriales liegt das Copyright Grzybowskis

August 10, 2007

UNESCO-Konvention zum Schutz des Immateriellen Kulturelles Erbe (IKE)

Dieter Horchler / Christine Ax

Eine Chance für die Zukunft des Handwerks

2003 haben die UNESCO-Mitgliedsstaaten, als Ergänzung zur sehr bekannten Welterbekonvention von 1972 ein Übereinkommen zum Schutz des Immateriellen Kulturerbes verabschiedet. Dieses Übereinkommen ist seit April 2006 in Kraft. Seit November 2006 sind alle UNESCO Mitgliedstaaten aufgerufen, die praktische Umsetzung dieses Instrumentes für den nationalen Handlungsbereich zu definieren.

Einige Staaten Europas haben diesen Prozess bereits in Angriff genommen, darunter z.B. Frankreich, die CSSR oder Thailand. In Deutschland wird der Umsetzungsprozess durch die UNESCO Deutschland koordiniert und für 2008 ist der Beitritt der Bundesrepublik Deutschland zur Konvention geplant.

Ende 2006 wurde in Deutschland mit Blick auf diesen Beitritt ein von Fachleuten erarbeitetes Memorandum zur Diskussion gestellt, das die derzeit wichtigste Grundlage für den Deutschen Weg zur inhaltlichen Ausgestaltung und praktischen Umsetzung der IKE-Konvention (IKE = Immaterielles Kulturelles Erbe) zur Diskussion stellt.

Die Konvention und erste Erfahrungen mit der Umsetzung in Europa zeigen, dass „Handwerk“ als immaterielles Kulturgut eine große Bedeutung hat, die es nun auch für Deutschland zu definieren und umzusetzen gilt. Kernstück werden Internationale aber auch Nationale oder ggf. Regionale Listen sein, die mit den Listen zu den UNESCO Weltkulturerbestätten vergleichbar sein dürften.

Darüber hinaus sind aber auch weitergehende Aktivitäten denkbar, wie sie heute bereits in Frankreich in Angriff genommen worden sind. Es geht nun darum, dieses kulturelle Erbe, soweit es Handwerk ist oder mit Handwerk zu tun hat, zu erfassen, zu beschreiben, zu präzisieren und ihm einen angemessenen Schutz bzw. Förderung zukommen zu lassen.

Mit Blick auf die Bedeutung und die Chancen, die mit diesem IKE – Prozess für das Handwerk und seine Zukunft verbunden sind, erscheint es wichtig, dass nicht nur außerhalb des Handwerks in den Kreisen der Kunst- und Kulturwissenschaft über IKE berichtet und gesprochen wird, sondern dass auch das Handwerk selber, seine Organisation, seine Unternehmen und die handwerksnahe Einrichtungen in diesen Diskussionsprozess eingebunden sind.

Um deutlich zu machen, was IKE für das Handwerk bedeuten kann, sei hier kurz auf die Vorreiterrolle Frankreichs hingewiesen, dass dem Thema Kultur und seinen Chancen für die nationale Identität und Wirtschaft traditionell einen großen Stellenwert zuweist. In Frankreich werden heute durch eine Vielzahl von Aktivitäten seltene handwerkliche Berufe aber auch Unternehmen mit national oder regional bedeutenden Produkten oder Verfahrenswissen „auf das Schild der nationalen Ehre“ gehoben. Ziel dieser Programme ist der Schutz und Erhalt von seltenem, und für die Zukunft wichtigem handwerklichem Können und Wissen, das für die nationale oder regionale Identität und/oder für die Wirtschaft des Landes (z.B. Mode, Ernährung) von Bedeutung sind.

(Frankreich fördert das kulturelle Erbe „Handwerk“ im wesentlichen mit drei Programmen: Dem Erhalt und der Weitergabe von seltenen Berufen und Fertigkeiten durch die Auszeichnung von „Maitre d´Arts“, deren Weitergabe von Wissen finanziell gefördert wird, durch die SEMA, die das Kunsthandwerk und die Ausbildung durch vielfältige Maßnahmen fördert und durch das Gesetz zur Auszeichnung von Unternehmen, die als lebendiges nationales Kulturerbe gewürdigt und gefördert werden sollen.)

Angesichts der Notwendigkeit die Identität und den Zusammenhalt des Handwerks zu stärken, ist die Diskussion um IKE, ist die notwendige und anstehende inhaltliche Ausgestaltung und Umsetzung von IKE in Deutschland auch eine Chance auch für die Handwerksorganisation und ihre Integrationskraft nach innen.

Dass der Begriff „kulturelles Erbe“ nicht zwangsläufig etwas ist, das nur den Aspekt der Tradition und der Vergangenheit meint, belegt die derzeitige Umsetzungsdiskussion bei der UNESCO aber auch die Art und Weise, in der z.B. Frankreich die Umsetzung der IKE-Konvention in Angriff genommen hat.

Kultur und Identität wird heute als ein für Europas Zukunftsfähigkeit zentrales Moment verstanden. Gerade die Folgen der Globalisierung und die Notwendigkeit in der Welt mit eigenen und eigenständigen Produkten und Profilen zu bestehen, ist einer der hinreichenden Gründe für die wachsende Bedeutung unseres „Immateriellen Kulturelles Erbe“. Handwerk als eine der wichtigsten materiellen Voraussetzungen für den Erhalt und die Erneuerung unserer Kultur ist hier aufgerufen, seinen Beitrag zu leisten, und sich dieser bedeutenden Aufgabe zu stellen.

Um die Bedeutung von Handwerk für IKE zu definieren bedarf es daher heute einer Gesprächsplattform und eines möglichst transparenten und offenen Diskussionsprozesses, der die Integration all derjenigen ermöglicht, die ein persönliches oder institutionelles Interesse daran haben, an IKE und deren Umsetzung aktiv mitzuwirken.

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Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer
Foto © Augsburger Puppentheatermuseum / B. Miller