Juni 09, 2017

Tag und nacht hab ich nur dies getan


Der Tod hatte jetzt lange genug gewartet, fand er, und öffnete die Tür hinter der er drei lange Jahre so geduldig gestanden hatte. Er betrat das Wohnzimmer des Hauses und setzte sich – jetzt auch für die Todgeweihte sichtbar - direkt neben das Krankenbett. Er blickte sorgenvoll auf das abgezehrte Gesicht der Kranken und freute sich auf die nahende Begegnung. Denn der Tod war nicht gerne alleine.

Ingrid Berta Hedwig Grzybowski
Auf der anderen Seite des Bettes saß ein robuster alter Herr, der zärtlich und resolut wieder und wieder über die Hand der Todgeweihten strich – aufstand – dies und das besorgte, um dann wieder und wieder an das Bett der Todgeweihten zurückzukehren, um Trost zu spenden, vorzulesen, die Hand zu streicheln und andere notwendige Maßnahmen zu verrichten, die seiner festen Überzeugung nach mit der Liebe bis in den Tod verbunden waren. 

Es war kurz vor Weihnachten und auch die Welt war in keinem guten Zustand. Man hätte meinen können, der Tod habe Wichtigeres zu tun, als hier in Friedrichstadt an der Eider geduldig Jahr um Jahr auszuharren. Starben nicht in Afrika die Menschen wie die Fliegen auch ohne ihn? Jung und alt, arm und reich? Und war es nicht so, dass das Elend in Afrika neuerdings die Fähigkeit zu haben schien, sein Territorium immer weiter auszudehnen. Der alte Herr glaubte, im Vorbeigehen gehört zu haben, dass Afrika die Vororte manch westlicher Großstadt inzwischen erreicht hatte - vielleicht weil es für einen Kontinent einfach zu viel war?

Drei Jahre hatten diese Drei nun auf engstem Raum zusammen gelebt und hatten dennoch nie wirklich offen über diese „ménage à trois“ gesprochen. Denn dafür, dies war das unausgesprochene Gesetz an diesem Ort, war ja immer noch Zeit genug, bis es irgendwann einmal soweit wäre - an jenem fernen Tag, der der heutige war.

Der Tod hatte dieses stillschweigende Kommittent geduldig respektiert und hatte nur sehr umsichtig und geradezu rücksichtsvoll Platz genommen. Er bemühte sich zu der Art von Dingen zu gehören, die so langsam zu geschehen hatten, dass die Menschen sie nicht wirklich sehen konnten.

Lange, sehr lange war dieser Tod als solcher kaum sichtbar gewesen, und seine Anwesenheit – obgleich wissenschaftlich so sauber nachgewiesen – was in diesem Hause keinen geringen Stellenwert hatte - hatte dennoch etwas vom Hörensagen. Verließen die beiden Bewohner das Haus, so blieb er geduldig wartend an der Haustür stehen. Und kehrten die Bewohner vom Leben dort draußen angeregt und mit rosigen Wangen wieder heim, dann saß er auf dem Biedermeiersofa und nickte ihnen leise und freundlich zu.

Dann, nach etwa 12 Monaten betrat der Tod das Schlafzimmer der Hausherrin und schlief von diesem Tag an unsichtbar zwischen den beiden Lebensgefährten. Wenige Monate später stellte er sich in die Ausgangstür und wurde zu einem unüberwindbaren Hindernis zwischen der Hausherrin und der Welt.

Zwar gelangten die Geräusche des Lebens noch gut wahrnehmbar durch die geöffneten Fenster und über die Fernseh- und Radiokanäle in die Räume und brachten Kunde von der Welt draußen. Auch die Freunde, die immer gerne in das gastfreundliche Haus geschneit waren, blieben nicht aus und saßen noch oft genug in der Küche über dem gewohnten Glas Wein.

Das gemeinsame Leben der beiden Weggefährten, nun auf das Haus beschränkt, zog seine gewohnte Bahn.
Pater Noster
Die Welt war Monat um Monat kleiner geworden - aber die Gedanken waren noch immer frei und noch war Raum für Scherzen und Lachen, auch dann noch, als sich die Schlafzimmertür für immer hinter ihr schloss und die Gitter am Bett alle Gefahren bannen sollten, die sich für den schwindenden Körper aus allzu unkontrollierten Bewegungen ergeben könnten. Schwäche und Schwerkraft hatten über den Wunsch zu gehen oder zu stehen gesiegt. Nicht aber über seinen unbeugsamen, seinen fruchtbaren und keine Grenzen akzeptierenden Geist.

Die Hausherrin nahm all diese Veränderungen mit Gelassenheit hin. Sie, erfuhr nun Tag für Tag, dass es zwischen Leben und Traum nur graduelle Unterschiede gab, die nun auf immer schwinden würden.

Es war der Gnade ihres Zustandes zuzuschreiben und nicht wenig auch der handwerklichen Kunst ihrer Schmerztherapeuten, dass sie klaglos schon am Abend vergessen hatte, was sie noch am Morgen als Verlust empfunden hatte. Die Träume nahmen sichtbar Überhand über das physische Sein und die Müdigkeit nahm von Tag zu Tag zu. Es war offensichtlich, dass ihr Geist jeden Tag ein kleines bisschen mehr zu der Überzeugung gelangte, dass die mühselige Rückkehr in diese unsere Welt schlussendlich immer weniger der Mühe Wert sei.

Ist es gestattet? Fragte der Tod nun an diesem letzten Morgen höflich und nahm – ohne auf Antwort zu warten – seinen rechtmäßigen Platz ein. Beide wussten, dass jenes Grenzgebiet schon lange erreicht worden war, das nicht mehr Leben war und noch nicht Tod, und die beiden waren sich auch schon lange einig geworden, dass dieser letzte Weg, den sie jetzt zum ersten Mal gemeinsam gehen würden, nur das belanglos gewordene Überschreiten jener unsichtbaren Grenze war: Ein winziger Schritt ins Unsichtbare, von hier nach hier statt von dort nach dort…

Denn wer von uns weiß schon, ob der Tod nicht doch einfach nur die völlige Abwesenheit von Leben ist, an jenem Ort, an dem jeder von uns willkommen ist und von dem doch niemand sagen kann, dass er jemals dort war.

Denn der Tod ist unser Weggefährte und - bei Gott - sollten wir ihm nicht auch dankbar sein, wenn er die Gnade besitzt sich uns Lebenden zu zeigen und uns seine wahre, seine unvermeidliche und seine gnadenvolle Natur zu offenbaren?

November 30, 2016

John Ruskin: Diesem Letzten

„Ich habe in meinem Leben einige höchst revolutionäre Charaktere kennengelernt, und wenn ich sie fragte: Wer hat dich zum Revolutionär gemacht? War es Marx?, dann antworteten die meisten: Nein, es war Ruskin.“ George Bernard Shaw
Diesem Letzten – Unto This Last
Ich habe die sonderbare, aber bemerkenswerte Beobachtung gemacht, dass die Geschäftsleute selten die Bedeutung des Wortes „reich“ kennen. Wenigstens entspricht ihr Verhalten, wenn sie sie kennen sollten, nicht der Tatsache, dass es ein relativer Begriff ist, welcher seinen Gegensatz „arm“ ebenso bestimmt in sich schließt, wie das Wort Norden den Gegensatz Süden.

Die Macht der Guinee in deiner Tasche hängt ganz allein davon ab, ob die Tasche deines Nebenmenschen leer ist. Braucht er sie nicht, nützt sie dir fast nichts. Der Grad ihrer Macht hängt genau von seinem Bedürfnis oder Verlangen danach ab. Die Kunst, dich selber zu bereichern, ist also im gewöhnlichen handelsökonomischen Sinne notwendigerweise gleichbedeutend mit der, deinen Nebenmenschen arm zu erhalten.
“I believe that I discovered some of my deepest convictions reflected in this great book of Ruskin and that is why it so captured me and made me transform my life.” Mahatma Gandhi
Mit „Unto This Last“ legte John Ruskin 1860 eine fundierte Kritik an der liberalen Wirtschaftstheorie und an den sozialen Verhältnissen seiner Zeit vor, die von Zeitgenossen wie Malthus, Ricardo, Mill oder Say schöngeredet wurden. Ruskin schonte in seinen Schriften seine eigene Klasse nicht. Und seine Argumente sind so modern, dass sie bis heute immer wieder Gegenstand politischer Diskurse sind. Bezieht man sein Gesamtwerk und sein persönliches Wirken in die Deutung mit ein, kann man ihn als einen der frühesten Denker der Nachhaltigkeit bezeichnen. Seine Analyse von Produktion, Handel und Konsum mündet in Theorien und Forderungen, die im Kontext wachstumskritischer Bewegungen heute immer wieder im Zentrum stehen.

John Ruskin (1819-1900) war ein britischer Schriftsteller, Maler, Kunsthistoriker und Sozialphilosoph. Er trat für eine Wirtschaftsethik ein, in deren Mittelpunkt der Mensch steht und bei der handwerkliche Arbeit als schöpferischer Wert betrachtet wird. „Diesem Letzten“ entstand 1860 und ist Ruskins bekannteste sozialkritische Abhandlung.
 
Zu beziehen über den Buchhandel unter:
Diesem Letzten – Unto This Last – vier Abhandlungen über die ersten Grundsätze der Volkswirtschaft ISBN 978-3-942836-10-4. http://www.westhafen-verlag.de

April 14, 2015

Symbiosen – Zum Nutzen unserer Nutztiere

„und Gott der Herr setzte den Menschen in den Garten Eden, auf dass er ihn bebaue und bewahre“ (Mose 2.18)

Vor nun mehr fast 30 Jahren habe ich die HerrmanndorferLandwerkstätten in Glonn, vor den Toren von München gegründet, weil mir die industrielle Entwicklung der Tierproduktion und die immer stärkere Automation des Schlachtens, des Zerlegens und des Verarbeitens zunehmend missfielen. Ich hatte das starke Gefühl, dass alles in die falsche Richtung lief und das dabei die Würde von Mensch und Tier immer mehr unter die Räder geriet.

In Herrmannsdorf sollte „alles so ganz anders“ sein. Es sollte wieder zusammengebracht werden, was von Natur aus zusammengehört: die Landwirtschaft mit Pflanzen- und Tiererzeugung, die Umwandlung von Pflanzen und Tieren in Lebens-Mittel (Metzgerei, Käserei, Bäckerei, Brauerei) sowie der unmittelbare Verkauf an die Menschen, die solche Lebens-Mittel verzehren sollten und mit denen wir direkt kommunizieren wollten. Von Anfang an sollten Bauern der Region in das Netzwerk eingebunden sein. Im Zentrum stand das System „Tiere und Fleisch“. Die Tiere sollten ein gutes Leben haben und Gutes zum fressen bekommen und am Ende einen würdevollen Tod sterben. Ihr Fleisch sollte am gleichen Ort ganz frisch in Schinken und Würste verarbeitet werden.

Vor zehn Jahren gründete ich die „Erste Private Landwirtschaftliche Versuchsanstalt für eine Symbiotische Landwirtschaft“. Es sollte mein Altersprojekt sein. Ich wollte versuchen, Fleisch, Schinken und Würste noch besser zu machen, als wir es ohnehin bis dahin schon erreicht hatten und den Tieren ein noch besseres Leben zu ermöglichen, als das selbst im ausgeklügelten Stall möglich ist. Ein Experiment.

Vor sechs Jahren startete mein Sohn Karl das Projekt Herrmannstorfer Landhuhn als Zeitnutzungshuhn. Ganz wesentlich dabei war die ethische Motivation, das übliche Töten männlicher Kücken aus den Legehennen-Hochzucht zu vermeiden.

Schweine und Geflügel sind durch Hochleistungszucht sowie Intensivhaltung am stärksten in ihren Lebensbedürfnissen fast bis zur Unkenntlichkeit verformt worden. Die Grenzen dessen, was man Fortschritt nennt, sind längst überschritten.

Mit den hier vorgestellten Erfahrungen in der Nutzung von

Symbiosen in der Landwirtschaft

Symbiosen - Zum Nutzen unserer Nutztiere
Wollen wir ein wegweisendes Beispiel für einen achtsamen Umgang mit Mensch, Tier und Natur geben. Nach vielen Jahren praktischer Erfahrung ist unser Konzept, das heute denkbare und machbare Optimum in der Nutzung der Natur für unsere Lebens-Mittel zu verwirklichen, eine Messlatte, an der sich das praktische Handeln orientieren kann. Je näher wir die Messlatte kommen, desto besser.

Das Grundprinzip der Natur ist Vielfalt. De Natur kennt keine Monokulturen. Natur findet in Symbiosen statt (griechisch sym = zusammen; bios = Leben) zum gegenseitigen Nutzen und Wohlbefinden, ohne Ausnahme, überall auf der Welt, je nach Klima und Bodenverhältnissen, ob Tundra, Steppe Acker oder Wald. Unser Grundprizip ist, soweit wie möglich Polykulturen an die Stelle von Monokulturen setzen; Vielfalt statt Einfalt zu schaffen. Symbiosen finden aber auch in menschlichen Gesellschaften statt, zum Beispiel bei der Zusammenarbeit von Bauern, Lebensmittelhandwerkern und Verbrauchern zu gegenseitigen Nutzen! Wie funktioniert das nun?

Bauern der Region sind in Das Verbundsystem einbezogen. Sie züchten und ziehen ihre Tiere nach den Regeln ökologischer Tierhaltung auf. Sie bekommen dafür den angemessenen Preis. Sie liefern ihre Tiere für die Endphase des Tierlebens in die Symbiotische Weidehaltung. Dort leben die Tiere ein fast vollkommenes Leben (fast wie in der freien Natur), für eine vollkommene Fleischqualität. Die Symbiotische Landwirtschaft ist räumlich verzahnt mit einer Warmfleisch-Metzgerei. So können die Tiere ihren letzten Weg zu Fuß und ohne Aufregung gehen. Nur so sind nach meiner Erfahrung höchste Geschmacks- und Gesundheitsqualität zu erreichen – und ein gutes Gewissen.

In der Symbiotischen Weidehaltung können die Tiere ihre natürlichen Bedürfnisse weitgehend ausleben. Es soll ihnen ganz besonders gut gehen, sie sollen gesund sein und sich wohlfühlen. Dabei werden Bodenleben, Bodenfruchtbarkeit und Humusbildung gefördert. Die Landwirtschaft soll schön und abwechslungsreich sein, und die Arbeit soll den Menschen Freude machen. Und am Ende soll das Fleisch, das Fett, die Schinken und die Würste besonders gut schmecken. Sie sollen wieder Lebens-Mittel sein, Mittel zum Leben, in denen noch alles Leben von Natur aus drin ist. Anliegen ist „das Leben in den Lebens-Mittel zu schützen und zu bewahren“ auf den langen Weg vom Acker bis auf unseren Teller.

Herz und Kernstück in der Symbiotischen Landwirtschaft sind die Schweine und die Hühner, weil diese (vor allem in der letzten Phase ihres Lebens) andere Ernährungs- und Lebensweisen brauchen, als wir ihnen selbst im besten Stall bieten können. Hecken sind wichtig als Lebens- und Schutzraum. Obstbäume passen ideal in die Symbiose von Tieren und Pflanzen. Rinder und Schafe dienen im System überwiegend der Verbesserung von Bodenleben und Bodenfruchtbarkeit.

Das Optimum ist eine sogenannte Koppelwirtschaft. Eine Koppel wird je nach Jahreszeit mit bis zu 20 verschiedenen Pflanzen eingesät. Alle Tiere fressen dann das frische Grün, die Schweine wühlen und fressen wie die Hühner Lebendiges, das im Boden lebt. Schweine schützen die ängstlichen Hühner vor Fuchs und Mader. Die Hühner sorgen für gute Hygiene, indem sie unermüdlich Parasiten, Insekten und Fliegen sowie mögliche Krankheitserreger von den Schweinen aus den Boden picken. So sind alle Tiere gesund, ohne vorbeugende Medikamente. Wenn die Koppel abgeerntet und von den Schweinen gepflügt ist, zieht der ganze „Wanderzirkus“ mit den mobilen Hütten, den Futterkisten, der Tränke und der Badeanstalt, auf die nächste Koppel, wo der „Tisch neu gedeckt ist“. Auch im Winter finden die Schweine noch ganz viel draußen. Die Hecken und Feldgehölze sind voll von herabfallenden Früchten und Lebendigen im Boden – all das, was Menschen nicht essen können.

Im nahegelegenen Schlacht-Fest-Haus (so genannt in Erinnerungan die ländliche Kultur des Schlachtfest) werden die Tiere achtsam und ohne Angst und Stress getötet – (kein Schrei ist zu hören). Ruhig getötete Tiere entwickeln keine Stresshormone. Die Stoffe, die sich mit der Totenstarre schnell abbauen, bleiben so länger erhalten. Das Fleisch hat eine bessere Konsistenz und hält länger. Aber auch der nicht-stoffliche Teil, den wir (noch) nicht messen können und den man mit Begriffen wie Energie, Kraft und Wirkung beschreiben könnte, bleibt länger „lebendig“. In der angeschlossenen Handwerklichen Warmfleischmetzgerei werden sodann die sauber geschlachteten Tierkörper noch warm, ohne zu kühlen, unmittelbar in den Verarbeitungsprozess gegeben. Das muss ganz schnell gehen. So brauchen wir keine Geschmacksverstärker und keine sonst üblichen Zusatzstoffe. Es ist ja von Natur aus noch alles drin. Unsere wichtigste Zutat in der Zutatenliste ist das „Leben“.

Die heute getrennten Prozessteile Schlachten, Zerlegen und Verarbeiten werden wieder zusammengefügt. Der Aufwand und die Kosten für Kühlung, Verpackung und Transport sind deutlich niedriger. So wird weniger Energie gebraucht. Wir nennen das die „Ökologie der kurzen Wege“. Die Arbeit ist handwerklich, verstehbar und abwechslungsreich, keine Langeweile! Der Meister sagt der Maschine, was sie tun soll. So bleibt der Mensch Herr und die Maschine der nützliche Diener – und nicht umgekehrt.

Ganz wichtig im Verbundsystem Tiere-Fleisch ist der Verkauf unmittelbar an den Menschen, die gerne Fleisch essen und wissen wollen, wo es herkommt. So können wir ihnen erklären, was wir machen, warum wir das so machen und was wir garantiert nicht machen. Wir können so den deutlich höheren Preis erklären, glaubhaft und verstehbar machen. „Lieber halb so viel, dafür dreimal so gut“. Wir wollen uns deutlich von anonymen, technisch perfekten Supermarkt unterscheiden. Wir verkaufen „klassisch“ mit Bedienung. Da stehen sich Menschen gegenüber, vor der Theke und hinter der Theke. Sie reden miteinander, da wird beraten und verkauft; wenn das geliebte Gustostück nicht mehr da ist, gibt es ein ähnlich gutes. Wir müssen dafür sorgen und das ist ganz wichtig für die Wirtschaftlichkeit, das jedes Teil vom Tier- vom Schnäuzchen – in den Schinken und Würsten landet, die den höchsten Preis erbringen, dass nichts verschwendet wird und am Ende der Woche alles verkauft ist. Das alles ist gute alte Handwerkskunst.

Ein Verbund von Bauern, Metzgern und Verbrauchern macht es den Beteiligten möglich, aus den vorherrschenden System auszusteigen und unabhängig zu werden vom Preisdruck des klassischen Einzelhandels. Welch eine Freude und welch eine Genugtuung, sagen zu können: „Gehabt euch wohl, wir brauchen euch nicht mehr“. Bauern und Metzger können den Ausstieg in der Regel nicht alleine schaffen. Aber gemeinsam können sie das! Dafür bietet sich die altbewährte Form der Genossenschaft an, in der die Rechte und Pflichten der Partner genau geregelt sind und jeder seinen gerechten Anteil am Gesamtertrag bekommt. Für die Finanzierung sich die einzigartige Möglichkeit, Bürger ganz unterschiedlicher Herkunft und Lebensweisen einzuladen, sich finanziell zu beteiligen, ihr Geld sinnvoll einzusetzen und mitzuhelfen, dass etwas Vernünftiges entsteht, eine „Bäuerlich-Handwerkliche Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaft“.

Wir haben in Herrmannsdorf bewiesen, dass eine solche Wirtschaftsweise mit einer solchen Werte-Philosophie möglich ist. Es ist zwar teurer, aber es rechnet sich für alle Beteiligten.

Es ist ohnehin höchste Zeit, Leben und Lebens-Mittel neu zu denken. © KLS 2014

Broschüre erhältlich durch: cthomas-at-schweisfurth.de 1 Exemplar 4 Euro / 2 Exemplare 5 Euro / 3 Exemplare 7 Euro

Das Link zeigt Ihnen den Weg zum "Gipfeltreffen" mit dem Filmemacher Werner Schmidbauer und dem Metzgermeister und Unternehmer Karl Ludwig Schweisfurth: 

Dezember 01, 2013

Die Originale erkennt man am Hut

»Kunst ist das, was uns jenseits der Notwendigkeit der Mühe wert ist.« (William Morris)


Stapelholmer Trachten- und Tanzgruppe

Stapelholmer Trachten- und Tanzgruppe begeistert mit traditionellen Tänzen

Dass Stapelholm eine eigene Tracht besitzt, dieses Wissen verdanken wir unter anderem Statthalter des dänischen Königs Heinrich von Rantzau, der bereits Ende des 16. Jh. Zeichnungen von Trachtenbildnern in Auftrag gab, und anderen Chronisten wie Bolten oder Schröder, die sich die Mühe machten festzuhalten, welche Kleider die Stapelholmer im Alltag oder bei Festen trugen.

Charakteristisch für diese Tracht ist der so genannte Holmer Hut. Eine aus naturfarbenem Stroh geflochtene Kopfbedeckung mit im Nacken hochgeklappter Krempe, die von einem breiten Kinnband gehalten wird. Die Trachtenröcke sind meist blau, grün oder dunkelrot gefärbt, aus Beiderwand gewebt und mit verschieden breiten, senkrecht laufenden Streifen geschmückt.

Die Schürze der Frauen ist aus leichtem hellem Baumwollstoff und kürzer als der Rock. Die Bluse wird aus leichten weißen Leinen gefertigt. Die Weste ist einfarbig, aus einfachem Tuch und wird vorn mit einer einreihigen Knopfleiste geschlossen. Die Männertracht besteht aus einer Latzhose aus weißem bzw. beigefarbenem Drillich, einer hochgeschlossenen Weste aus rotem Tuch mit zwei seitlich verlaufenden, silbernen Knopfreihen und einem Leinen - Hemd mit weiten Ärmeln sowie einem Stehbund am Hals.

Damit weder diese schöne Tracht noch die Tänze der Region ganz in Vergessenheit geraten, haben sich Frauen und Männer zur Stapelholmer Tanz- und Trachtengruppe zusammengeschlossen. Am Tag der offenen Tür begeisterten sie im Stapelholm – Huus die Zuschauer und zeigten dabei nicht nur Volkstänze aus der Region, sondern aus ganz Deutschland. Ein Video von diesem Auftritt ist inzwischen im Internet eingestellt und kann über diesen Link gefunden werden.

Die Tanz und Trachtengruppe kommt aus dem Herzen Schleswig-Holsteins. Die Gestinsel Stapelholm liegt inmitten der Flusslandschaft Eider-Treene-Sorge, an der Südgrenze des alten Herzogtums Schleswig. Fruchtbares Ackerland, fettes Marschland aber auch magere und sandige Böden und Moore sind dort auf nur 160 Quadratkilometern zu finden. Der Name Stapelholm ist erstmals um 1260 in einer Urkunde erwähnt, die im Reichsarchiv zu Kopenhagen einzusehen ist. Dass sich in Stapelholm manches Brauchtum bis heute halten konnte, ist der Abgeschiedenheit dieser kleinen Region ebenso zu verdanken wie dem Engagement der Männer und Frauen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, diese Traditionen immer wieder mit neuem Leben zu erfüllen.

Am Tag der offenen Tür begeisterte die Stapelholmer Trachtengruppe die Zuschauer. Keine Frage: Es lohnt sich, diese Trachten- und Tanzgruppe live zu erleben. Und wer rechtzeitig anfragt, der kann die Gruppe auch bitten, ins Haus zu kommen und ihre Tänze auf privaten und öffentlichen Events aufzuführen. Auch MittänzerInnen sind herzlich willkommen.

Kontaktdaten: Sönke Thede, Erfde, +49 (0) 172 759 42 59 
Textbearbeitung: Claudia Ohlsen
Link: YOUTUBE http://youtu.be/D8vxu5TOvCU

März 15, 2013

Ein Bewusstsein dafür, wie kostbar Leben ist


Petra Fischbach
Petra Fischbach, noch-Geschäftsführerin des Hamburger Hospiz Leuchtfeuer sprach beim 57. Treffen des Billbrookkreis e.V. über das, was die letzten Jahre ihr Leben war: Aufbau und Leitung des Hamburger Hospiz Leuchtfeuer. Die ehemalige Krankenschwester war vor über 12 Jahren gefragt worden, ob sie bereit sei, Hamburgs erstes Hospiz aufzubauen. Und sie sagte sofort zu. In Kürze wird sie die Leitung des Hauses einem Nachfolger übergeben.

Fischbach beeindruckte die Besucher des Nachbarschaftstreffens mit ihren einfühlsamen Beschreibungen ihrer Arbeit. Der Vorsitzende des Billbrookkreises Dieter Horchler betonte, welch ein Herzensanliegen es ihm war, Frau Fischbach vor ihrem Rückzug von dieser Aufgabe noch einmal zu Gast zu haben. Fischbach informierte über die Hospizbewegung, über die Rahmenbedingungen, unter denen Hospize heute tätig sind, über praktische Fragen wie Wartelisten und Kostenübernahmen durch Krankenkassen und vor allem darüber, dass der Abschied vom Leben in Würde und ohne Schmerzen möglich ist und die Verdrängung des Todes aus unserem Bewusstsein etwas ist, dass uns selber schadet.

„Ich habe erlebt, wie Menschen in den Krankenhäusern zum Sterben in die Badezimmer verschoben werden“, erläuterte Petra Fischbach ihre Entscheidung, sich voll und ganz der Hospizbewegung zu verschreiben. Und: „Wir dürfen den Tod nicht verdrängen. Wir müssen dem Abschied vom Leben Raum geben.“ Als sie die Aufgabe übernommen hat, Leuchtfeuer Hamburg aufzubauen, gab es in Deutschland erst ein einziges Hospiz in Aachen. Aber täglich stieg die Zahl der Menschen, die an AIDS erkrankt waren und denen nicht geholfen werden konnte.

In den vergangenen 12 Jahren, so Petra Fischbach, habe die Hospizbewegung viel erreicht. Wurden alle Hospize zunächst ausschließlich privat finanziert und für die Organisatoren ein finanzieller Drahtseilakt, stehen die 180 stationären Hospize, die es heute in Deutschland gibt, relativ gut da. Jeder gesetzlich Krankenversicherte hat Anspruch auf einen Hospizplatz, wenn sein Arzt bestätigt, dass die tödliche Krankheit, an der er oder sie leidet, nicht geheilt werden kann und das Lebensende naht. Petra Fischbach: „Es war nicht einfach, die Krankenkassen dazu zu bewegen, dass sie die Kosten übernehmen.“ 10 % der Kosten müssten aber nach wie vor von den Einrichtungen selber übernommen werden. Fischbach: „Das ist nicht immer einfach. Wir sind auf Spenden angewiesen. Allein in unserem Fall sind das immerhin fünfhunderttausend Euro im Jahr.“

Es gebe heute stationäre und ambulante Hospize sowie Palliativstationen in Krankenhäusern. Ambulante Hospize betreuten Todkranke zu Hause, erklärte Fischbach. In den Palliativstationen der Krankenhäuser würden die Symptome der Todkranken von Fachärzten gelindert und die Kranken auf die Rückkehr nach Hause, in eine Pflegeeinrichtung oder ein Hospiz vorbereitet. In stationären Hospizen wie dem Leuchtfeuer werden die Kranken 24 Stunden am Tag betreut. Sie bleiben dort bis zu ihrem Lebensende.

Das Hospiz Leuchtfeuer in St. Pauli befindet sich im 1841 errichteten, ehemaligen Israelitenkrankenhaus. Es bietet Raum für 11 Bewohner. 25 Menschen sind hauptamtlich beschäftigt, sie werden von 70 Ehrenamtlichen unterstützt. Fischbach: „Wir wollen nicht das Krankenhaus mit 36 Zimmern sein. Das Gesetz verlangt im übrigen, dass Hospize nicht mehr als 16 Betten haben dürfen.“

Das Hamburger Hospitz Leuchtfeuer möchte seinen Bewohnern ermöglichen, die letzte Lebensphase selbstbestimmt und in Würde zu verbringen. Es gebe nur Einzelzimmer, auch damit die Bewohner die letzten Dinge in Ruhe und privat regeln könnten. Die Angehörigen, so Fischach, müssten sehr oft auch selber „gehalten und getragen“ werden. Ihre Anwesenheit sei jederzeit erwünscht, sie würden mitverpflegt.

Fischbach: „Wir sind mehr als Körper. Wir sind auch Seele und Geist. Es reicht nicht nur, dem Körper der Menschen gerecht zu werden. Wir fragen uns ständig, woher wir kommen und wohin wir gehen. In unseren Häusern spielt die psychosoziale und die seelische Betreuung daher eine große Rolle. Wir haben in unserem Hospiz Sozialpädagogen, spirituelle Begleiter aller Religionen, vom Pastor bis zum buddhistischen Mönch.” Das Leuchtfeuer sei ein Haus mit einer sehr familiären Atmosphäre. Fischbach: „Obwohl wir nur 11 Zimmer haben, haben wir ein eigenes Küchen- und Kochteam. Die Krankenkassen finden das verrückt. Aber wir fragen alle unsere Bewohner täglich, was sie essen wollen und können. Und wenn der Geruch von Braten und frischem Gemüse oder Obst durch´s Haus zieht, dann bekommen manche Appetit, die eigentlich nichts essen wollten.“

Ziel des Hospizes und seiner Mitarbeiter sei es, einen Raum zu schaffen, in dem die Kranken das Leben noch einmal genießen können, und gleichzeitig Raum für´s Sterben zu lassen. Die Stimmung im Hospiz sei keineswegs immer traurig. Bei den gemeinsamen Essen oder Treffen herrsche oft eine ausgelassene Stimmung.

Sie werde oft gefragt, wie sie es aushalte, so viele Jahre Tag für Tag mit Todkranken und dem Abschied vom Leben konfrontiert zu sein. Aber die Antwort darauf sei ganz einfach: „Ich habe während der vielen Jahre der Hospizarbeit an keinem Tag etwas aushalten müssen sondern jeden Tag eine Menge gelernt. Ich habe verstanden, dass jeder einzelne Tag Wert ist, genommen zu werden. Ich habe ein Bewusstsein dafür entwickelt, wie kostbar das Leben ist, und dass wir das, was wir tun wollen, jetzt tun müssen und nicht verschieben sollten. Und ich habe verstanden, dass es auch in meinem Leben viele überflüssige Dinge gibt. Ich ärgere mich nicht mehr über Kleinigkeiten.“

Auf die Frage, ob es lange Wartelisten gebe, hatte Petra Fischbach eine sehr tröstliche Antwort: „Wenn Sie nicht darauf bestehen, einen Platz in einem ganz bestimmten Hospiz zu bekommen, ist es heute in Hamburg jederzeit möglich, innerhalb einer Woche einen Hospizplatz zu finden.“ Auf das Thema Sterbehilfe angesprochen, wies sie darauf hin, dass die Palliativmedizin heute die Schmerzen und Symptome Todkranker so gut behandeln könne, dass sie keinen Bewohner kennen gelernt habe, der Sterbehilfe verlangt hat. Man brauche aber, so Fischbach, dafür fachlich kompetente Ärzte. Und die seien für die Bewohner des Leuchtfeuers jederzeit verfügbar.

Notfallärzte würden naturgemäß nicht gerufen. Denn ein Notfall sei schließlich nur dann ein Notfall, wenn die Beseitigung des Notfalls zum Leben führe. Das aber sei im Leuchtfeuer nicht der Fall. Es gebe keine Umkehr. Es sei denn, die Kranken würden im Hospiz wieder ins Leben zurückfinden. Auch das komme vor. Von den 120 Menschen, die bei Ihnen jährlich einzögen, würden einer oder zwei mit einer Lebensperspektive wieder ins Leben hinausgehen.

Dezember 04, 2012

EINE GEDICHTSAMMLUNG DER ETWAS ANDEREN ART


Die Friesische Teekanne oder Der Wettkampf der fünf Dichter

„Die Friesische Teekanne" lässt sich gleichzeitig als Theaterstück und als Gedichtsammlung lesen. Dieses besondere Buch mit ausdrucksstarken schwarz-weiß Zeichnungen vereint charmante Lyrik mit einer abwechslungsreichen Rahmengeschichte. In einem Dichterwettbewerb treten fünf friesische Freunde gegeneinander an, um eine am Strand gefundene Kanne zu gewinnen. Alle haben ihre besonderen Hintergründe, Eigenarten und Wesenszüge, die sie in die Verse, Vorträge und Dialoge einbringen. So entfaltet sich ein ganzer Bilderbogen rund um das Meer, die Friesen und natürlich den Tee. Das Bühnenstück wurde im Dezember 2011 in der Hamburger Kammeroper mit großem Erfolg uraufgeführt.

Die Friesische Teekanne
EIN LYRISCHES REIGENSPIEL VON TEE, DEM MEER UND DEM FRIESISCHEN WESEN

„Als Friesen sind wir frei! Doch führt am Teevergnügen nun mal kein Weg vorbei!" Mit diesen Worten wird der poetische Wettbewerb zwischen den Dichtern – zwei Frauen und drei Männern – in einem kleinen Teehaus direkt am Nordseedeich eingeleitet. Das Preisgericht sind sie selbst. Der Preis ist eine alte Teekanne, die sie erst kürzlich im Watt gefunden haben. Dies ist der Startschuss einer gemütlichen, aber auch ehrgeizigen Poetenrunde zwischen Freunden, die das freie Leben am Meer, das Dichten und natürlich den Friesentee lieben. Angefeuert werden sie von der Wirtin und verhöhnt von dem wortwitzigen Küchenjungen. Getragen werden die Gedichte und der Wettstreit von Tiefe, Komik und Tragik und verlassen dabei nie die Verbindung zur liebenswerten, friesisch-herben Mentalität.


DER AUTOR
Der in Hamburg geborene Jurist und Pionier der umweltbewussten Unternehmensführung Dr. Georg Winter (Deutscher Umweltpreis 1995) ist längst auch ein bekannter Lyrik-Autor und Sprechkünstler. Er veröffentlichte 1986 den Gedichtband „Der Trödelbarde“, rezensiert von Benno von Wiese in der Frankfurter Anthologie der FAZ, herausgegeben von Marcel Reich-Ranicki (elfter Band 1988). Im Jahr 2007 erschien „Der Trödelbarde“, gelesen von Uwe Friedrichsen als Hörbuch bei Random House.

Dr. Winter erfand den „Sprechsport“ und zeigte in zahlreichen Fernsehauftritten, wie sich die Lust am Sprechen und die Ausdruckskraft des Sprechens mit Methoden des Sportes steigern lassen. So wurde er 2006 mit selbst geschriebenen Zungenbrecher-Gedichten, die er in Höchstgeschwindigkeit rezitierte, Wettkönig der ZDF Show „Wetten, dass…?“. Eine Sammlung von Zungenbrecher-Gedichten erschien als CD (Random House) sowie als Buch (Goldmann). Er führte Sprechsport-Meisterschaften für Schulen durch und veröffentlichte 2011 gemeinsam mit Dagmar Puchalla das Grundlagenbuch „Sprechsport“.

Oktober 04, 2012

Mehr als ein Viertel

Ansichten und Absichten aus dem Hamburger Gängeviertel 

Mehr als ein Viertel
Es war die erste erfolgreiche Hausbesetzung in Hamburg seit Jahrzehnten: Im August 2009 enterten 200 Künstler und politisch Aktive die Reste des historischen Gängeviertels in der Hamburger Innenstadt - um es vor dem Abriss durch einen Investor zu retten.

Unter dem Druck der Verhältnisse mussten die Besetzer sich schnell professionalisieren und Strukturen aufbauen, die das Projekt tragen und weiter entwickeln. Seit mehr als drei Jahren arbeiten die Aktiven nun emsig daran, hier einen innerstädtischen Raum für Kunst, Kultur und Politik zu schaffen. Es geht ihnen nicht nur um die eigenen vier Wände - sie fordern ein „Recht auf Stadt“ für alle. Zehntausende Besucher aus aller Welt haben inzwischen in den Häusern des Gängeviertels Ausstellungen gesehen, Konzerte gehört, Partys gefeiert oder darüber diskutiert, wie sie sich ein Leben unter Freien und Gleichen vorstellen. 

Das jetzt erschienene Buch "Mehr als ein Viertel" beschreibt die Entwicklung dieses "Hamburg-Wunders" – wie DIE ZEIT damals formulierte. In dem Buch kommen die Aktiven selber zu Wort. Sie lassen den Leser teilhaben an den Vorbereitung und dem Tag der Besetzung, an den mühsamen Verhandlungen mit der Stadt, der Gründung ihrer Genossenschaft und wie sie die Kunst als politische Waffe eingesetzt haben. Das Buch gibt einen einzigartigen Einblick in die „temporäre autonome Zone“ Gängeviertel. Es ist lebendig, überraschend, experimentierfreudig und politisch.

Mehr zum Buch finden Sie unter: Gängeviertel e.G.

Februar 20, 2012

An die Arbeit, Ihr Dilettanten und Amateure!

Alexander Rosenbaum
Ein Aufruf zum Selbstmachen. 
Die meisten Selbste werden heute mit großer Begeisterung und großem Enthusiasmus immer noch selbst gemacht. Es gibt gute Gründe, es dabei auch zu belassen, selbst wenn manche Humangenetiker hier Optimierungspotentiale vermuten.

Ist ein kleines Selbst erst einmal auf der Welt, fängt es sofort an zu schreien und wir werden seiner nur noch mit Mühe Herr. Alles will es AUCH und selber machen. Und die Welt antwortet ihm: „Nicht anfassen. Du machst alles kaputt!“ Oder sagt wohlmeinend: „Komm, ich helfe Dir!“ Kluge Kinder schmeißen sich dann auf die Erde, kratzen, beißen und treten ihren Wohltätern vors Schienbein. Dies wird aber nur selten richtig gedeutet.

Wenn in unserer hocharbeitsteiligen, komplexen und global vernetzten Welt von „Selbst Machen“ die Rede ist, denken viele an den Baumarkt oder Marmelade kochen, während den Profis und Experten sofort „Pfusch“ einfällt. Wir haben nicht nur ein gestörtes Verhältnis zum SELBST-Machen, wir haben vor allem ein reichlich gestörtes Verhältnis zum „MACHEN“.

Oh schönes Selbst!
Während es heute so ist, dass unser Bildungswesen die jungen Menschen gar nicht schnell genug dem Zweck der „employability“ zuführen kann und in immer kürzeren Studienzeiten -Experten aller Art züchtet, gab es früher gute Gründe, sich mit der Ausbildung ein wenig mehr Zeit zu lassen und Mühe zu geben .

In der Antike war es die edelste Pflicht eines freien Bürgers, der res publica zu dienen und sein Selbst selber zu Vervollkommnen. Neben dem Kriegshandwerk standen auch andere Künste hoch im Kurs. Es stand jedem noblem Griechen gut zu Gesicht, in diversen Künsten zu dilettieren. Wobei die kleinliche Frage danach, welche Künste standesgemäß sind, selbst große Geister immer wieder sehr bewegte. In der Hierarchie der Künste stand das „rein geistige“ ganz oben. Bei den angewandten Künsten hörte der Spaß dort auf, wo die Anstrengung anfing. Kein griechischer Aristokrat konnte es sich leisten, den Eindruck zu erwecken, er habe es nötig etwas selber zu machen. Echte Amateure und Dilettanten waren auch damals nur diejenigen, die sich einer Kunst hingaben, ohne einen schnöden Zweck zu verfolgen.

Auch in der Renaissance und in der Aufklärung wollte man es nicht so engspurig angehen. Denn niemand sollte hinter seinen Möglichkeiten zurückbleiben sondern ein möglichst vollständiger und vollkommener Mensch werden. Das Leben am Hof der Fürsten unterlag sehr interessanten Regeln, die uns glücklicherweise übermittelt wurden. Wir verdanken es dem „Handbuch für Höflinge“, das Baldassare Castigliones 1528 veröffentlichte und als einziges Werk hinterließ, dass wir uns heute noch ein Bild davon machen können, was ein aufstrebender Aristokrat alles können musste, damit das Auge seines Herrn voller Wohlwollen auf ihm ruhte. Neben zwingend erforderlichen Hauptkompetenzen - wie umfassender Gelehrsamkeit, perfekter Beherrschung des Kriegshandwerks, außergewöhnlichem Mut und bedingungsloser Treue - war es damals sehr angesagt, auch noch in Nebenrollen zu brillieren. "Dazu gehörten Konversation, Dichten, Tanz und musikalische Übungen. Dem Höfling wurde Raffinesse bei der Kommunikation seiner zahllosen Vorzüge nahe gelegt. Man möge doch bitte jeden Anschein von Anstrengung bei der Zurschaustellung der eigenen Kunstfertigkeiten vermeiden, denn wahre Kunst sei nur dort zu finden, wo man die Kunst nicht sehe. Besser man vollführe seine Kunststückchen ganz beiläufig. So entstehe der Eindruck, dass einer, der Schweres mit so geringer Mühe zustande bringe, weit Größeres leisten könne, wenn er nur  echten Eifer und echten Fleiß an den Tag lege". (Zitiert nach Dr. Alexander Rosenbaum, Der Amateur als Künstler, S. 26 ff.)  Die wahre Kunst des Höflings bestand nicht in der Erlangung wahrer Virtuosität, sondern im Andeuten von Fähigkeiten.

Politik als Kunst des Andeutens von Fähigkeiten
Nicht alle Herrscher der Weltgeschichte übertrieben es mit dem Wunsch, alles selbst zu machen. Schauen wir uns einmal das Gute an, das mit dem Dilettieren auch gemeint war. Jahrhunderte lang war es die vornehmste Aufgabe des Herrschers, seinem Volk und seinen Höflingen in allen Künsten „voranzugehen“. Spätestens seit der Renaissance war das Dilettieren an den Höfen Europas mindestens üblich. Es wurde getanzt, gemalt, gesungen, gezeichnet, gedrechselt und Gebäude entworfen. Auch das Selbermachen kam sehr in Mode. Selbst gemalte, selbst gedichtete und selbst geschriebene Liebesbeweise galten als ungleich galanter, als alles was man kaufen konnte.

Auch wenn die vielen Könige, Herzöge und Grafen selbstverständlich nicht wirklich alles gleich gut konnten, so muss man ihnen doch zu Gute halten, dass sie wenigstens versuchten, ihren „Untertanen“ ein gutes Beispiel dafür zu sein, wozu ein umfassend gebildeter Mensch in der Welt alles taugt. Friedrich August I von Sachsen konnte… Friedrich II konnte...

Es darf uns auch ruhig ein wenig wehmütig stimmen, dass ambitionierte Herrscher sich früher bemühten, ihr Volk mit einem doch sehr breit und ambitionierten Repertoire an Künsten aller Art zu erfreuen und so gut es geht als Vorbilder zu leben und vorbildlich zu dilettieren. Und wie gingen wir, das Volk damit um? Nun, auch das Volk hatte Zeit zu dilettieren – aber erst nachdem alle notwendigen Arbeiten erledigt waren. Viele Künste waren ihm jenseits der Notwendigkeit der Mühe Wert. So etwas nennt man heute Volkskunst und die Museen sind voll davon.

Wo die Arbeit anfängt hört der Spaß auf
Wir haben es vor allem dem Protestantismus und dem Kapitalismus zu verdanken, dass das Dilettieren so übel in Verruf kam. Was Spaß macht kann keine Arbeit sein – und wenn’s Arbeit ist, kann es keinen Spaß machen! Erst der Schweiß heiligt die Mittel und Werkzeuge. Und wer nicht ARBEITET soll auch nichts Essen und bekommt deshalb HARTZ IV und kein Grundeinkommen.

Die Beziehung zwischen Amateuren und Profis war schon immer etwas angespannt. Wofür man Verständnis entwickeln kann, wenn man sich in die Lage eines ehrlichen Drechslermeisters versetzt, der im 16. Jahrhundert Maximilian I von Habsburg dabei hilft, an der programmierten Drehbank solange Elfenbeinrohlinge zu zerschroten, bis endlich ein vorzeigbarer Kandelaber dabei herauskam. [Das Drechseln galt lange Zeit als ein Probates Mittel gegen Melancholie.] Man stelle sich bitte vor, wie der Drechsler noch am Ende ehrliche Begeisterung zeigen musste, wenn endlich auch das Drechseln von Erfolg gekrönt war. Die nicht unbegabten Werke des königlichen Gedrechsels kann man heute noch in der Dresdner Kunstkammer besichtigen.

Womit wir beim Kern der Animositäten sind: Während der Amateur/Dilettant wegen des Vergnügen, die Kunst um ihrer Selbst willen ausübt, denkt sich der Profi und Experte – der von seiner Kunst leben muss und die Anerkennung seiner Profession fürs Überleben braucht: „Das muss man sich erst mal leisten können! Ich kann es mir jedenfalls nicht leisten.“ Womit sich die Frage stellt: Was würde er tun, wenn er es sich leisten könnte? Würde er dann endlich das tun, was er wirklich will? Oder würde er seine Arbeit aus purem Vergnügen machen und zum anerkannten Dilettanten werden?

Dass beim Profi der Spaß aufhört, wenn’s dem Amateur erst richtig anfängt Spaß zu machen, dafür ist die Beziehung zwischen dem Handwerk und dem Kunsthandwerk ein wunderbares Beispiel. Spätestens seitdem der Kunsthandwerkermarkt erfunden wurde, leidet das Handwerk so sehr unter diesem Begriff, dass man sich immer wieder auf die Suche nach einer anderen Bezeichnung machen musste, um sich als Nicht-Kunsthandwerker zu profilieren. Die letzte große Makramee-Welle, ausgelöst von einschlägigen Fachzeitschriften und dem Deutschen Hausfrauenbund, hätte die Existenz tausender wahre Unikat-Designer und „angewandter - Künstler“ bzw. begnadeter Meister-Designer fast vernichtet!

Vor dem Hintergrund unserer Verantwortung für die Zukunft und der Frage: „Was sollte für die Erlangung beruflicher Handlungsfähigkeit gelernt und gekonnt werden?“ dient als gute Anregung und Orientierung die im Gebr. Mann Verlag erschiene Publikation 
„Der Amateur als Künstler – Studien zu Geschichte und Funktion des Dilettantismus im 18. Jahrhundert“ von Dr. Alexander Rosenbaum

September 05, 2011

CARL OTTO CZESCHKA - Ein Wiener Künstler und die Hamburger Wirtschaft

Bauhütte Hamburg
Carl Otto Czeschka wurde am 22. Oktober 1878 als Sohn des Tischlermeisters Wenzel Czeschka in Wien geboren. Seine Mutter Mathilde geb. Hafner war Näherin und Stickerin. Sie starb an einer Lungenkrankheit, als er fünf Jahre alt war. Schon früh zeigte sich die Begabung des Kindes für das Zeichnen. Bereits als Dreijähriger zeichnete er am liebsten Pferde mit weißer Kreide auf dem mit schwarzem Wachstuch bedeckten Esstisch. Die Pferde in den Straßen Wiens hatten es ihm angetan, insbesondere die Kavallerie mit Marschmusik sah er mit Begeisterung. Größten Eindruck hinterließen bei ihm die Paraden im Frühjahr und zu Kaisers Geburtstag. Seinem Vater durfte er schon früh in der Tischlerwerkstatt für kleine Galanteriewaren tatkräftig helfen. Bei ihm fühlte er sich geborgen, trotz der großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Vaters und dem häufigen Wohnortwechsel innerhalb der Stadt. Der Vater arbeitete abends zusätzlich als Bühnenarbeiter in der Oper. Der Onkel, der nach dem Tod der Mutter den Haushalt führte, war Orgelbauer und wurde für Czeschka hinsichtlich der Genauigkeit der handwerklichen Arbeit zum Vorbild.

Eine Schulgeldbefreiung ermöglichte Czeschka den Besuch des Esterhazy-Gymnasiums, zu dessen Lehrern er jedoch kein Vertrauen hatte. Nachdem er als Elfjähriger den Unterricht geschwänzt hatte, um im Museum für Kunst und Industrie Bilder und Bücher zu betrachten, musste er die Schule verlassen, denn der Vater konnte das Schulgeld in Höhe von 20 Gulden nicht aufbringen. Czeschka begann eine Tischlerlehre bei seinem Vater und ging dann zur Realschule. Ab 1891 bereitete er sich auf der Abendschule gezielt auf das Kunststudium vor und finanzierte dies durch eine von seinem Freund Koloman Moser vermittelte Zeichenlehrerstelle bei den Kindern des Erzherzogs Karl Ludwig, des jüngeren Bruders von Kaiser Franz Joseph I.

Nach dem Studium bei Christian Griepenkerl an der Wiener Akademie der bildenden Künste von 1894 bis 1897 lehrte Czeschka dort zunächst als Hilfslehrer und später als Lehrer. Er erhielt schon früh Aufträge des Verlegers Martin Gerlach und der Wiener Druckerei C. Angerer & Göschl.

Die Zusammenarbeit mit den Kollegen Koloman Moser und Josef Hoffmann begann an der 1903 gegründeten »Wiener Werkstätte« (WW) und wurde bis 1914 weitergeführt, auch nachdem Czeschka 1907 an die Kunstgewerbeschule in Hamburg berufen worden war. Seine eigenen handwerklichen Fähigkeiten und Kenntnisse kamen ihm bei seinen Entwürfen für die »Wiener Werkstätte« neben seiner zeichnerischen Begabung und Phantasie sehr entgegen. Seine Arbeiten waren von großer Materialtreue geprägt – gleichgültig ob es sich um Zeichnungen und Grafiken handelte oder um Entwürfe für Schmuck, Besteck und Ziergerät, Stoff-Designs, Holzschnitte, Buchillustrationen, Kalender, Post- und Spielkarten, Schriften, Bühnenentwürfe und Kostüme, Möbel, Bildteppiche und Glaskunstfenster. Zu den Hauptwerken Czeschkas aus seiner Wiener Zeit gehören die Kaiserkassette, ein Geschenk der Skoda-Werke Pilsen an Kaiser Franz Joseph I. von Österreich (1905) und das Collier mit Feueropalen im Rahmen der Schmuckabteilung der »Wiener Werkstätte« (1909/1910). Etwa ab 1906 wurde Czeschka an den Entwürfen der »Wiener Werkstätte« für das Palais Stoclet in Brüssel beteiligt, dem Gesamtkunstwerks der »WW« des Architekten Josef Hoffmann. Dort gestaltete er u.a. sieben Fenster mit allegorischen Darstellungen für den Musiksaal des Palais und die beiden Marmorreliefs »Erzengel Michael« und »Allegorische Frauenfigur auf der Mondsichel« für die Halle des Palais.

Mit der Arbeit für den Verlag von Martin Gerlach (Gerlach & Schenk, Gerlach & amp; Wiedling) begründete Czeschka einen neuen wichtigen Schwerpunkt in seinem Werk, die Grafik- und Buchkunst. »Die Nibelungen« von Franz Keim, ein nahezu quadratisches Bändchen mit nur 68 Seiten, gilt als eines der schönsten Jugendstil-Bücher. Es erschien bei Gerlach & amp; Wiedling in mehreren Auflagen (1909, 1920, 1924), 1970 bei Parkland und später im Insel-Verlag.

Czeschka trennte sich 1907 von seiner Vaterstadt, um der Berufung nach Hamburg an die Kunstgewerbeschule am Steintorplatz zu folgen. Der Wiener Kritiker Ludwig Hevesi bezeichnete den Weggang Czeschkas als »Unglück« für Wien. Czeschka versorgte seinen Vater bis zu dessen Tod 1915 finanziell, damit dieser nicht länger in Geldsorgen leben musste.

1909 begegnete Czeschka dem Weltreisenden Julius Konietzko und freundete sich mit ihm und seiner Familie an. Konietzko brachte von seinen Exkursionen Kunstwerke aus Afrika mit nach Hamburg, u.a. für den Aufbau einer Sammlung im Neubau des Museums für Völkerkunde an der Rothenbaumchaussee (1908–1912). Czeschka war fasziniert von der Kunst des schwarzen Kontinents und begann selber, ethnologische Objekte zu sammeln, die ihn auch in seiner eigenen Arbeit inspirierten.

Noch vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs erhielt er Aufträge der 1833 gegründeten Hamburger Schriftgießerei Genzsch & amp; Heyse und beteiligte sich mit Plakaten an den Vorbereitungen der großen Tapetenausstellung 1911 in der Ferdinandstraße / Alsterdamm (seit 1947 Ballindamm). Ebenfalls 1911 ermöglichte Justus Brinckmann im Museum für Kunst und Gewerbe eine große Ausstellung zu Ehren der beiden Professoren Richard Luksch und Carl Otto Czeschka. Interessant ist es, dass in diesem Museum 1912 eine Ausstellung über Schaufenstergestaltung stattfand. Später wurde Czeschka von der »Detaillistenkammer« zum Mitglied der Oberjury für die Hamburger Schaufensterwettbewerbe berufen.

Die für ein halbes Jahr (von Mai bis Oktober 1914) konzipierte große internationale Messe des Buchgewerbes »BUGRA« in Deutschlands führender Buchstadt Leipzig, muss mit ihren Pavillons, Hallen und lebenden Werkstätten beeindruckend gewesen sein. Der Katalog des Österreichischen Hauses zeigte Czeschkas Holzschnitte von der k. k. Hof- und Staatsdruckerei. Ihm wurde der Königlich-Sächsische Staatspreis verliehen. Durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs am 1. August wurde die BUGRA vorzeitig beendet.

Der aus Dresden nach Hamburg berufene Fritz Schumacher hatte sich schon sehr früh zum Ziel gesetzt, für die Schule am Steintorplatz Erweiterungsmöglichkeiten in einer Kunstgewerbeschule neuen Typs zu schaffen. Sie sollte moderne und großzügige Werkstätten für alle künstlerischen Betätigungen erhalten. An der Ausstattung des Gebäudes beteiligte er die an der Schule tätigen Professoren – u.a. Carl Otto Czeschka, den Bildhauer Richard Luksch und den Maler Willy von Beckerath.

1913 wurde der Neubau der Kunstgewerbeschule am Lerchenfeld, die heutige Hochschule für Bildende Künste fertig. Von Czeschka stammte der Entwurf für das große Schmuckfenster »Die Botschaft der Schönheit« in der Treppenhalle, das ebenfalls zu seinen Hauptwerken zu zählen ist. 30 Jahre, von 1913 bis 1943, unterrichtete Czeschka am Lerchenfeld. Er war ein einflussreicher Lehrer. Seine penible Genauigkeit war bekannt und respektiert, aber auch seine Fähigkeit, die Schüler ihren Begabungen entsprechend zu fördern. Zahlreiche erfolgreiche Grafiker beriefen und berufen sich darauf, seine Schüler gewesen zu sein.

Zwei Jahre nach dem Lerchenfeld-Fenster entstand im Neubau der Gewerbekammer am Holstenwall (heute Handwerkskammer) die Fensterserie »Die Handwerke«. Es war Fritz Schumacher ein zweites (und damit leider letztes) Mal gelungen, Czeschka für eine Zusammenarbeit zu gewinnen. Inzwischen war den Professoren vom Lerchenfeld verboten worden, Aufträge für Staatsbauten anzunehmen. Weil die Fenster im Großen Saal des Gewerbehauses jedoch durch Stiftungen von Innungen und Verbänden ermöglicht wurden, konnte Czeschka den verschiedenen Handwerksberufen 1915 ein Denkmal setzen. Von den Bombenangriffen im Juli 1943 wurde zwar das Gewerbehaus weitgehend verschont, jedoch gingen die Fenster durch den Explosionsdruck zu Bruch. Ebenfalls zerstört wurden zwei Fenster-Triptychen Czeschkas in der Gnadenkirche St. Pauli-Nord.

Das Fenster der Kunstgewerbeschule war rechtzeitig ausgebaut und eingelagert, dann allerdings vergessen worden. Der große Schumacherbau am Lerchenfeld wurde weitgehend zerstört und mit ihm Czeschkas Atelier und der Klassenraum. Nur dem beherzten Einsatz von zweien seiner Schüler, Helmut Scaruppe und Norbert Bork, ist es zu verdanken, dass die umfangreichen Arbeiten, die Czeschka am Lerchenfeld sorgfältig aufbewahrt hatte, aus den Trümmern gerettet wurden. Ihnen ist ferner zu verdanken, dass der künstlerische Nachlass relativ vollständig erhalten geblieben ist.

Ab 1918 arbeitete der leidenschaftliche Zigarrenraucher Czeschka für seinen größten und wichtigsten Auftraggeber, die Zigarrenfabrik L. Wolff, die Louis Wolff 1867 in Hamburg gegründet hatte, und deren Vertriebsfirma HACIFA mit Läden bevorzugt in 1a-Lagen. Nach seiner Emeritierung und nach dem Krieg beschäftigte sich Czeschka mit dem Wiederaufbau und Umbau der HACIFA-Läden. Als Czeschka 1958 seinen 80. Geburtstag feierte, wurden die Schaufenster aller ca. 60 HACIFA-Läden entsprechend dekoriert – und fotografiert.

Anfang der zwanziger Jahre erhielt Czeschka von dem Bremer Kunstsammler und Exportkaufmann Sigmund Gildemeister den Auftrag, für dessen neu errichtete Villa im Stadtteil Hamburg-Hochkamp einen Gobelin zum Thema »Tausendundeine Nacht« zu entwerfen. Die Weberin Martha Heller übernahm gemeinsam mit fünf anderen Frauen die Webarbeit. Martha war die Witwe von Hans Heller, einem mit Czeschka befreundeten Professor am Lerchenfeld, der im Ersten Weltkrieg gefallenen war. Sie entwickelte bei der Vorbereitung des Gobelins die »schlitzlose Gobelintechnik«, die sie sich beim Reichspatentamt unter der Nr. 447973 schützen ließ. Als der Gobelin 1926 fertig war, heirateten die beiden. Der Gobelin wurde mehrfach auf Ausstellungen und 1955 auch im Foyer der Hamburgischen Staatsoper gezeigt. Der 9 qm große Gobelin befindet sich weiterhin im Besitz der Familie des Auftraggebers Gildemeister. Der Karton, die Vorlage des Bildteppichs, gelangte in das Museum für Kunst und Gewerbe.

Ein großer persönlicher Schicksalsschlag für den Künstler war im August 1951 der Tod seiner Frau Martha, mit der er seit den zwanziger Jahren zusammengelebt hatte. Freunde kümmerten sich um ihn, u.a. auch die Witwe seines im April 1952 verstorbenen Freundes Julius Konietzko. Kurz vor seinem Tod am 30. Juli 1960 heiratete Czeschka Elfriede Konietzko. Sein Nachlass konnte auf diese Weise durch sie und nach ihrem Tod in den siebziger Jahren durch ihren Enkel Henner Steinbrecht an das Museum für Kunst und Gewerbe übergeben werden.

Text: HELLA HÄUSSLER 
Bearbeitung: Billbrookkreis e.V. 
Bild: Karton zu einem Schmuckfenster für die Handwerkskammer Hamburg;
Foto: Museum für Kunst und Gewerbe

Zur Ausstellung in der Handelskammer zu Hamburg erscheint ein Katalog. 

Juli 28, 2011

Lex Eigennutz

Schleswig-Holstein schafft den Denkmalschutz ab
„Der Gedanke des Denkmalschutzes hat einen schweren Stand. Viele Eigentümer sehen nicht ein, warum sie ihr Gebäude pfleglich behandeln sollen, und auch die normale Bevölkerung tut sich schwer damit, Gebäude jenseits der „schönen“, historischen Stile, etwa Bauten der Industrialisierung oder der Moderne, als denkmalwürdig wahrzunehmen. Hatte die von Dieter Hoffmann-Axthelm vor elf Jahren erhobene neobürgerliche Forderung zur „Entstaatlichung der Denkmalpflege“ noch bundesweite Kritik vieler Fachleute ausgelöst, so wird heute nahezu unbemerkt von der „großen“ Öffentlichkeit der Denkmalschutzgedanke in Schleswig-Holstein ausgehebelt. Denn hier wird zur Zeit auf Druck der FDP das Denkmalschutzgesetz einseitig zugunsten privater Interessen und zum Nachteil öffentlicher Anliegen geändert – als Vorbild für andere Bundesländer?“
Die Autorin Ira Mazzoni hatte dagegen in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung vom 23. Juli 2011 protestiert. Wir dokumentieren eine für BauNetz  erweiterte Fassung ihres Textes. (-tze)
Gut Wulksfelde Fassadenpreis
"Es ist der zweite Anlauf zur Demontage des Denkmalschutzgesetzes in Schleswig-Holstein. Und die Zeit drängt. Im kommenden Mai sind Neuwahlen. Bis dahin regiert die Kieler CDU-FDP-Koalition mit einer Stimme Mehrheit. Noch vor der Sommerpause wurde die von der FDP-Fraktion – nicht vom Regierungs-Kabinett – eingebrachte Gesetzesnovelle in erster Lesung diskutiert. Nach der Sommerpause soll das Vorhaben dann zügig vorangetrieben werden. Vordergründig geht es um „Modernisierung“, „Entbürokratisierung“ und „Beschleunigung der Verfahren“ – tatsächlich um die Aufhebung des Denkmalschutzes mit Hilfe eines umständlichen, widersprüchlichen, ungenauen Gesetzes, das den Verwaltungsgerichten viel Arbeit machen wird.

Modern im Sinne der FDP heißt: Die Eigentümerrechte sollen gestärkt werden. Wirtschaftliche, gewinnorientierte Interessen der Denkmaleigentümer sollen Umfang und Art aller denkmalerhaltenden Maßnahmen diktieren. Damit negiert der vorliegende Gesetzesentwurf die Grundlage aller Denkmalschutzgesetze: Geschützt werden Bauwerke gemeinhin „im öffentlichen Interesse“. Ohne dies erübrigt sich die sachliche, justiziable Begründung von Denkmalen. Aus dem übergeordneten „öffentlichen Interesse“ ergibt sich prinzipiell die Erhaltungspflicht der Eigentümer mit einschränkender Wirkung ihrer Eigentumsrechte, wohlgemerkt immer im Rahmen der Zumutbarkeit und Verhältnismäßigkeit. Denkmalpflege, das hat das Bundesverfassungsgericht bestätigt, ist eine „Gemeinwohlaufgabe von hohem Rang“.

Die Kieler Regierung aber will das Schicksal der Denkmäler ganz in die Hände der Eigentümer legen: „Eigentümer sind unsere wichtigsten Denkmalpfleger“, erklärte Kultusminister Ekkehard Klug anlässlich der ersten Lesung. Das ist prinzipiell richtig – nur was ist, wenn der Eigentümer sich nicht kümmert? Wenn seine Gewinnmaximierungsabsichten zum Abriss des Denkmals führen? Nach dem Gesetzentwurf kann er dafür noch nicht einmal mehr strafrechtlich belangt werden.

Für die Förderung des Eigennutzes wird das ganze System Denkmalpflege ausgehebelt. Dabei hat Schleswig Holstein schon ein restriktives, konstitutives Denkmalschutzgesetz. Danach stellt zwar die Fachbehörde, das Landesamt für Denkmalpflege, die Denkmalwürdigkeit fest, aber erst wenn der Eigentümer, Besitzer oder ein Verfügungsberechtigter zustimmt und einen entsprechenden Antrag auf die Eintragung ins Denkmalbuch stellt, ist das Bauwerk auch nach dem Gesetz geschützt. In Zukunft soll nur noch der Eigentümer antragsberechtigt sein. Die Fachbehörde, die den Denkmalstatus aufgrund allgemeiner wissenschaftlicher Konventionen zu erkennen, zu beschreiben und im Denkmalbuch festzuhalten hat und später über die Verträglichkeit beantragter Baumaßnahmen kritisch entscheiden muss – auch mit der Konsequenz steuerlicher Begünstigungen des Eigentümers –, diese Instanz wird zum Nichtstun verdammt.

In Zukunft sollen die Bürgermeister und Landräte, die sogenannten Unteren Denkmalschutzbehörden, allein über das Schicksal der Denkmäler entscheiden. Es gibt keine Zustimmungsregelung, keine Einvernehmensregelung. Die obere Denkmalschutzbehörde – das Landesamt – muss nur im Notfall informiert werden, wenn die untere Denkmalschutzbehörde sich nicht zu helfen weiß.

Nach dem vorliegenden Entwurf müsste dieser Fall ständig auftreten. Denn die Unteren Denkmalschutzbehörden verfügen selten über fachlich geschulte Mitarbeiter. Das neue Gesetz aber mutet den kleinen Ämtern in den Städten und Gemeinden zu, nicht mehr über die Verträglichkeit von Veränderungen am Baudenkmal zu entscheiden, sondern zu prüfen, ob und in wieweit ein wie auch immer bestimmter Denkmalwert vom Bauvorhaben berührt wird. Das Denkmal wird so vorab gedanklich bereits in wesentliche und unwesentliche wertbestimmende Bestandteile zergliedert. Genehmigungspflichtig sind nur noch Maßnahmen (Umbau, Ausbau, Abriss...), wenn diese eine „Gefahr“ für den wie auch immer definierten Denkmalwert darstellen.

Die Ämter haben den Bauanträgen zuzustimmen, solange der ominöse Denkmalwert nicht „erheblich“ beeinträchtig wird. Vorab stellt die Regierung fest, dass „geringfügige“ Veränderungen gar nicht bewilligt werden müssen. Insbesondere wenn es um Baumaßnahmen geht, die die Energie-Effizienz oder die Barrierefreiheit betreffen. Das ist die Freigabe von Plastikfenstern, Wärmedämmverbundsystemen, Solarpaneelen, gläsernen Außenaufzügen oder Metallrampen aller Art. Kurz: für alle billigen Lösungen. Denn nach dem neuen Gesetz hat die Wirtschaftlichkeit höchste Priorität. Mit der Ausschaltung des Landesamtes für Denkmalpflege und den neuen Prämissen bei Vollzug des Gesetzes wird von vorneherein verhindert, dass auf der Baustelle mit Bauherren und Architekten um bessere, einfühlsamere, langfristig verträgliche Lösungen gerungen wird. Insofern ist diese Gesetzesnovelle auch ein Architektur-Verhinderungsgesetz.

Der Gesetzentwurf schafft zwei Sondergruppen: Welterbe-Stätten (mit höherem Schutzumfang) und Bauten nach 1950 (mit erheblichen Einschränkungen). Bei letzteren behält sich der Ministerpräsident als oberster Denkmalschützer die Entscheidung über die Denkmalwürdigkeit vor. Eine Entscheidung ohne Fach-Autorität, die in der Folge nicht justiziabel ist. Schon die Epochen-Grenze 1950 ist reine Willkür. Auch bei Umbauten (geplante Abbrüche eingeschlossen) soll der Grundsatz der Praktikabilität gelten. Dieses Gesetz ist eines für den Staat und die Kommunen, die in großem Umfang über Verwaltungsbauten, Universitäten, Schulen und Kindergärten aus der Nachkriegszeit verfügen, diese ohne nennenswerten Bauunterhalt heruntergewirtschaftet haben und nun neuen Hygiene-, Sicherheits- und Energie-Standards anpassen müssen. Die Auseinandersetzungen um das Kieler Schloss, die Christian-Albrechts-Universität und das als hässlich diffamierte Rathaus in Elmshorn haben wohl zu dieser Selbstbedienungsklausel geführt.

Auch große Wohnungsbaugesellschaften müssten nicht mehr mit dem Einspruch von Denkmalschützern rechnen, wenn sie ihren Bestand ökonomisch knapp kalkuliert sanieren wollen. Die Welterbe-Klausel sollte die UNESCO aufhorchen lassen, da sie implizit darauf hinweist, dass es um den Denkmalschutz im nördlichsten Bundesland ansonsten schlecht bestellt ist und somit Grundlagen der Welterbe-Konvention nicht erfüllt werden. Die-50er-Jahre-Klausel betrifft das Erbe einer ganzen Epoche, das auch in anderen Bundesländern mit dereguglierten Denkmalschutzgesetzen akut bedroht ist. Pessimisten wie Bernd Vollmer vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege sehen schon die für unsere Demokratie so prägende Zeit nahezu ohne architektonische Zeugnisse aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwinden.

Der Gesetzentwurf für Schleswig-Holstein setzt darüber hinaus dem Bereichs- und Umgebungsschutz enge Grenzen. Beschränkt auf wenige, kurze Blickachsen, haben weder Groß-Investoren noch Windpark-Betreiber Einwände zu fürchten. Auch dürfen die Nachbarn von Denkmaleigentümern fürderhin ihren Baumarkt-Fantasien freien Lauf lassen. Ensembleschutz war gestern. Abgeschafft wird auch die Gartendenkmalpflege – mit Ausnahme berühmter Schlossanlagen. Damit werden Hürden für Eigentümer und Investoren beseitigt, die in Stadtparks, Wallanlagen, Villenquartieren oder Siedlungen bauen beziehungsweise nachverdichten wollen. Der Begriff der Kulturlandschaft ist dem Gesetzentwurf so und so fremd.

Armes Schleswig-Holstein! Warum nicht gleich ein Antrag zur Aufhebung des Denkmalschutzgesetzes? Der Protest der Bürger wäre gewiss. Und der im Prinzip wertkonservative Koalitionspartner CDU hätte keine Alternative zu einer klaren Ablehnung. So ist jedoch zu befürchten, dass das nördlichste aller Bundesländer aus Koalitions-Räson und des kurzfristigen Machterhalts willen ein absurdes Denkmalschutzgesetz erhält, das das aufgibt, was es zu schützen vorgibt. In vielen Bestimmungen willkürlich und den Grundsatz der Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz verletzend, betrifft diese Gesetzesnovelle auch den sozialen Frieden in unserem Land und nicht nur die Baukultur, für die Denkmäler aller Epochen Maßstab und Ansporn sind."

Text: Ira Mazzoni

Foto: KulturGut - Friedrichstadt / Eider;  Ceative Commons License

Juli 22, 2011

Friedrichstadt ehrte seinen fünften Ehrenbürger

Karl Wilhelm Michelson 
*9.7.1921 - +15.9.2012
Bürgermeisterin Regine Balzer: "Ihre Arbeit ist so wertvoll"

Am 9. Juni 2011 wurde Karl Wilhelm Michelson zum Friedrichstädter Ehrenbürger ernannt - eine Auszeichnung, die vor ihm erst vier anderen Bürgern gewährt wurde. In einer 90-minütigen Sitzung dankten ihm die Bürgermeisterin und der Stadtrat für den Aufbau des Friedrichstädter Stadtarchivs.

Museumsleiterin Christiane Thomsen und Jörn Norden ehrten den frisch gebackenen Ehrenbürger. In ihren Reden beschrieben sie den Lebensweg des Stadtchronisten. Karl Wilhelm Michelson wurde am 9. Juli 1921 geboren und kehrte nach seiner Ausbildung zum Steuerberater in Husum in sein Haus am Mittelburgwall in Friedrichstadt zurück. Christiane Thomsen erinnerte daran, dass der Stadtchronist schon in der Grundschule eine Leidenschaft für die Stadtgeschichte entwickelte. Thomsen: "Historische Fakten und Zahlen haben Dich auch in Deiner Freizeit ständig begleitet. Euer Haus hat oft genug wie ein Altpapierlager ausgesehen - vor allem, wenn alte Zeitungen getrocknet werden mussten." Als ehrenamtlicher Stadtarchivar sei Michelson immer wieder mit der Bahn nach Schleswig ins Landesarchiv im Prinzenpalais gereist. Mehr als 700 Beiträge, darauf wies Jörn Norden hin, habe Michelson zu Stadtgeschichte geleistet. Christiane Thomsen: "So umfassend und uneigennützig wie Karl Michelson hat wohl selten jemand seiner Stadt gedient." In der Gesellschaft für Friedrichstädter Stadtgeschichte habe er ein Forum für seine Leidenschaft gefunden.

Bürgermeisterin Regine Balzer betonte in ihrer Rede die große Bescheidenheit des Geehrten: "Sie haben immer im Stillen gearbeitet und ich weiß, wenn es nach Ihnen gegangen wäre, hätte auch die heutige Ehrung in einem kleineren Rahmen stattgefunden. Sie haben aus innerer Überzeugung, ohne offiziellen Auftrag und ohne finanzielle Gegenleistung das wissenschaftliche Fundament für das Friedrichstädter Stadtarchiv gelegt. Durch ihre Arbeiten über die Geschichte unserer jüdischen Mitbürger ist es Ihnen gelungen, unser Bewusstsein dafür zu schärfen, wie wichtig ein respektvolles Miteinander ist. Sie haben bewiesen, dass ein gedeihliches Miteinander möglich ist, wenn die Achtung vor dem Anderen nicht verloren geht."

Friedrichstadts neuer Ehrenbürger dankte dem Publikum für dessen stehenden Applaus mit den Worten: "Es wäre mir das Liebste, wenn Sie sich erst mal alle wieder hinsetzen." Bei den Laudatoren Christiane Thomsen und Jörn Norden bedankte er sich mit den Worten: "Ich bewundere Ihre kriminalistischen Fähigkeiten. Ich wusste wirklich nicht, dass ich so viel gemacht habe." Eine Überraschung hielt noch Erhard Brauer, ein Nachbar des Geehrten, bereit: In unmittelbarer Nähe des Michelson-Hauses ließ er eine umgestürzte Linde durch eine neue ersetzen. Zum Abschluss der Feierlichkeiten lud die Bürgermeisterin zu einem Umtrunk.

Text: Regine Balzer / Andreas Grzybowski
pic: Wernfried Knudtsen

März 11, 2011

Barthold Heinrich Brockes und Georg Philipp Telemann


„Gieb jedem Instrument das was es leyden kann,So hat der Spieler Lust, Du hast Vergnügen dran“ Telemann

Barthold Heinrich Brockes und Georg Philipp Telemann

oder:

die Verbürgerlichung des Barock

Anlässlich der Eröffnung einer Ausstellung „Telemann in Hamburg 1721-1767“ im Hamburger Rathaus - initiiert von der Hamburger Telemann-Gesellschaft in Kooperation mit Marcard pro Arte - hielt der Telemannkenner Prof. Dr. Peter Klein eine Hommage an den großen Komponisten, dessen Werk und Schicksal untrennbar mit dem der Freien und Hansestadt verbunden ist. Wir veröffentlichen hier Inhalte seiner Publikation sinngemäß:

Haydn – Mozart – Beethoven sind ein Dreiklang, der jedem kulturgeschichtskundigen Deutschen zutiefst vertraut ist. Die „Klassik“ und „Wien“ sind für die Musik das, was „Weimar“ für die Literatur ist, Symbole unserer „Leitkultur“. Im Zeitalter der Massenkultur denkt jeder sofort an Mozart, an „Wolfgang Amadé, das Engelskind“, den Heiteren, unerschöpflich Verspielten oder an Beethoven, den Titan und Gottsucher. Und denkt man in diesem Zusammenhang auch an Haydn? Das ist nicht mehr so klar! Dieser angestellte Musiker auf Schloß Esterhaza war zwar ihr Vorläufer, Mentor und Lehrer. Aber damit hat es sich dann auch. Mit Haydn werden - sehen wir mal von unserer Nationalhymne ab - keine weltbewegenden Themen, Lieder oder „Ohrwürmer“ assoziiert. Denn „Genie“ ist ja nach allgemeinem Sprachgebrauch: von Natur aus „überströmend“, ums Absolute „ringend“. Ausnahmenatur jedenfalls. Bei „Papa Haydn“ hingegen riecht es eher nach redlicher Arbeit, nach Mühsal und Bürgerlichkeit.

Bereits ein gutes Halbjahrhundert früher schenkte das Zeitalter des „Barock“ der Musik eine ähnliche Trias. Auch sie war – allerdings lockerer - mit einer Stadt, diesmal mit Hamburg, verbunden. Ich denke an Bach, Händel und Telemann! Bach war unbestrittener Mittler zwischen Mensch und Gott, Händel ein Genie ausdrucksvollen Wohlklangs, - und dann gab es auch noch Telemann, der – in diesem Punkt „Papa Haydn“ ähnlich - als armer „director musicis“ in die Geschichte einging. Doch wird man Telemann nicht gerecht, wenn man ihn als Bürger abwertet, dem die Kunst nur zum reinen Broterwerb diente, und den bestenfalls handwerkliche Tüchtigkeit auszeichnete - ein musikalisches Pendant zu den Pfeffersäcken, „Genie“ nur in der Selbstvermarktung (Stichwort „Tafelmusik“)?

Denn erstens: „Bürgertum“ kann in diesem Zusammenhang nicht abwertend gebraucht werden. Die „Verbürgerlichung“ war für die Aufklärung notwendig und Voraussetzung für den Abstieg des überholten Feudalismus. Aufklärung und Verbürgerlichung waren außerdem notwendige Übergänge zur „Klassik“, die in Weimar zum Gipfel der Menschheit wurde. Bürgerlicher Bildung sei Dank!

Die Geisteskultur in dieser Phase vor der drohenden spirituellen Verspießung zu bewahren, diese Ehre gebührt – ausgerechnet Hamburg? Jedenfalls der für Hamburgs Geistesgeschichte zentralen Gestalt: dem Ratsherrn, Diplomaten und Dichter Barthold Hinrich Brockes. Er war es, der, wie gut belegt, Telemanns Berufung 1721 maßgeblich betrieb. Fast gleichaltrig, standen die Zeitgenossen schon vorher in Kontakt und waren einander in gegenseitiger Hochachtung verbunden, die in Hamburg zur Freundschaft wurde. Telemann vertonte schon vor seinem Ruf nach Hamburg Brockes´ Gedichte, und dieser stellte ihn, den „berühmtesten Componisten dieser Zeit“, noch über Orpheus, bekann mit der Veröffentlichung seines Hauptwerkes im selben Jahr als jener kam: jenes neun Bände von je mehr als 500 Seiten umfassendes Werk namens „Irdischen Vergnügens in Gott“. Diesem Brockes ist es zu verdanken, dass auch die Bürger der Stadt Hamburg den Wert ihres neuen Musikdirektors erkannte und ihn so freundlich aufnahmen, dass Telemann in einem Lebenslauf von 1744 voller Dankbarkeit schreibt, dass Hamburg sich ihn „durch Liebe und Ehre so gar zu eigen (machte), dass er sie bey guter Gesundheit mit Vergnügen und zärtlichster Erkenntlichkeit bewohnte“.

Brockes´ geistesgeschichtliche Stellung war nämlich komplexer, als es einerseits die “Sozialgeschichte der Aufklärung“, andererseits die Literaturgeschichte nahe legen. Dieser gilt als Dichter des „Barock“. Aber ist er das wirklich? Ist er, der 1680 geboren wurde und 1747 starb, wirklich den Dichter "des ersten Barock" zuzurechnen? Einem Martin Opitz (+1639), Andreas Gryphius (+1664), Daniel Casper von Lohenstein (+1683), Angelus Silesius (+1677) oder dem Spätling Quirinus Kuhlmann (+1689)? Hat Brockes Werk tatsächlich Ähnlichkeiten mit der diesen frühen Barock charakterisierenden bedingungslosen Unterwerfung unter die göttliche Vorsehung, die sich vorwiegend als Krieg, Leid und Zerstörung offenbarte und jede menschliche Existenz als „zernichtende“ vanitas erscheinen lässt? Weist Brockes Werk wirklich die asketische und emphatische Spannung auf, das Hin- und Hergerissen sein zwischen Diesseits und Jenseits, diese jenseitsgierige Sucht nach Einklang mit der universalen und objektiven göttlichen „ordo“?

Nein: Brockes erfährt diesen „ordo“ – anders diese Vertreter des frühen Barock - auf eine ausgesprochen lustvolle Weise. Er interpretiert ihn als eine schöne Ordnung, in der sich Gott dem Menschen als der Allgütige offenbart, als Ausdruck einer unendlichen, liebevollen Fürsorge, so dass man dafür Gott bewundern, ihm dafür danken müsse. Brockes tut dies mit seiner Kunst in einer so positiven Ausschließlichkeit, dass sie einem modernen Aufklärer wie Arno Schmidt als „reinste Bockssatyre“ vorkommt, als „kanzlistenmäßiges“ Christentum von der "plattesten Sorte der Zeit". Arno Schmidt: „Man verehrt Gott mit hausbesitzerhafter Sicherheit, gleichsam wie den absolut verlässlichen Vorsitzenden seines Vermieterverbandes (!).“ Und weiter: das wirke allzu „naiv und grotesk“ und ließe sogar Zweifel an Brockes Ehrlichkeit aufkommen, selbst wenn es so „niederschmetternd redlich gemeint“ gewesen sei.

Allerdings: Wirklich naiv war Brockes nicht. Er zieht gegen die kriegerische „Ehr“ – Sucht der absolutistischen Herrscher seiner Zeit zu Felde und formuliert das Theodizee-Problem humorig mit Hilfe einer Parabel über einen faulen Zahn. Seine (nach Schmidt: „ängstlich-trockene“) „Anleitung zum gottseligen (korrekt „vergnügten und gelassenen“) Sterben“ war von theologischem Rang. Und mit wenigen Worten lotet er in seiner Klage „auf Seinen krancken und sterbenden Sohn“ schwierigste seelische Tiefen aus.

Es handelt sich um einen durchaus aufklärungsgemäßen „Deismus“. Einen Deismus aber, der sich nicht auf die Plattheiten der „zweiten“ Aufklärung beschränkt, die ein Vulgärmaterialismus charakterisiert und die sich nicht zu Schade ist, zum Ratgeber für die Wehwehchen des Alltags zu werden. Brockes Spiritualität ist noch voller Ernsthaftigkeit und von der ehrlichen Frage nach Gott durchdrungen. Und er gibt diese Ernsthaftigkeit über bedeutende Vermittler wie Hermann Samuel Reimarus, Moses Mendelssohn oder Gotthold Ephraim Lessing an die großen Denker des sich vollendenden bürgerlichen Zeitalters weiter, bei denen sich die objektive Transzendenz des göttlichen ordo in Immanuel Kants humanzentrierte Theorie der Vernunft verwandelt, woraus sich für den Neuhumanismus die radikale Verpflichtung eines jeden Menschen ergab, durch (Selbst-)Bildung „seinem Wesen Wert und Dauer zu verleihen“ (W. v. Humboldt).

Diese Nähe zum göttlichen ordo sucht auch Telemann zu bewahren; nicht, wie Bach, durch natürliche Gnade; auch nicht wie Händel im Durchgang durch die Tiefen der Krankheit; sondern durch eine lebenslange Bindung an die musikalische Objektivität des strengen Kontrapunkts. So wie Brockes den Kosmos mit Hilfe der Sprache im Menschen spiegelt, möchte Telemann die kosmische Ordnung im Reich der Töne sichtbar machen: Mit allen Varianten, Techniken, Farben und Ausdruckformen, die ihm zur Verfügung stehen. Dies schließt den Ausdruck von Emotion zwar ein, bleibt aber immer an eine feste Form gebunden und wird so auch „lehrbar“. Eine Lehrbarkeit, die sich zwar der Gefahr bildungsbürgerlicher Trivialisierung aussetzt. Aber eine Trivialisierung, der wir in der romantischen Gegenbewegung, die Musik als reines Gefühl begreift, noch weit öfter begegnen. Positiv gewendet ließe sich also sagen: Telemanns Musik ist zuchtvolle Methode, Vorbild und Appell, sich bei der nunmehr jedem Menschen gestellte Aufgabe der Selbst-Bildung nicht mit Dilettantismus und subjektiver Beliebigkeit zu begnügen, sondern in aufgeklärter Autonomie dem eigenen Selbst Wesentlichkeit und Dauer zu verleihen.

Foto: (copyright) Wernfried Knudtsen - 25840 Westermarktstrasse 2
Text - Bearbeitung: Andreas Grzybowski
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